22.11.2015

Predigt am Christkönigssonntag B15

Joh 18,33b-37


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Das Christkönigsfest ist ein sehr junger Festtag im Kalender der Kirche. Es wurde erfunden, als in Europa die Monarchien zusammenbrachen, Könige abgesetzt oder vertrieben wurden. Da war man in der Kirche der Meinung, wenn nun alles ins Wanken gerät und alte traditionelle Herrschaftsformen wegbrechen, auf wen ist dann überhaupt noch Verlass? Wer ist der wahre König, auf den man sich verlassen kann? Und dann lag es nahe, Christus als wahren König zu proklamieren. Auf ihn ist Verlass. Seine Herrschaft hat kein Ende. Und so wurde das Christkönigsfest erstmals im Jahre 1925 begangen. Aber genau mit dieser Entstehungsgeschichte verbindet sich eine ganz große Gefahr. Die Gefahr ist gegeben mit der Behauptung folgender Sätze: Christus ist der wahre König, dessen Herrschaft kein Ende hat. Oder wie die Söhne Mannheims einmal gesungen haben: Der König der Könige. Solche Sätze blähen Christus in seiner Macht so unendlich auf, dass darin sich eine ganz große Gefahr verbirgt. Es genügt ein kleiner Nadelstich und der so aufgeblähte Christus zerplatzt wie eine Seifenblase. Was meine ich damit?


2. Nehmen wir ein Beispiel. Wenn wir sagen: „Ich glaube an Gott“, dann steht da im Lateinischen das Wort „Credo“. Es ist zusammengesetzt aus den beiden Worten „Cor“ und „dare“: Sein Herz geben. Also: Ich vertraue, ich setze auf jemanden, ich hoffe, ich baue auf jemanden. Ich glaube an jemanden. Wir haben in einem ganz anderen Bereich ein ähnliches Wort: „Kredit“. Das kommt auch von Credo. Jemanden einen Kredit geben, heißt: „Ich gebe Dir etwas in dem Vertrauen, dass du es zurückbezahlen kannst“. „Ich gebe Dir diesen Vorschuss, weil ich Dir vertraue, weil ich auf dich setze und auf dich baue, weil ich an dich glaube, weil ich auf dich hoffe“. Daher das Wort „Kredit“. Ein Kredit ist ein Vertrauensvorschuss. Und wem gebe ich einen Kredit? Doch nur dem, der sich als vertrauenswürdig erweist. Ich gebe dem ein Kredit, dem ich vertraue, dass er diesen zurückbezahlen kann. Kurz: Der Kreditnehmer muss stark sein. Wir sehen das ja bei den Banken. Die haben z.B. in Frankfurt alle ihre mächtigen Bauten: Hochhäuser, die vor lauter Glanz regelrecht blenden. Das soll Vertrauenswürdigkeit ausstrahlen. Hier, ihr Bürger, legt euer Geld bei uns an. Vertraut uns. Wir sind stark. Oder würde jemand sein Geld anlegen, wenn die Bank in einem heruntergekommenen Fachwerkbau ihren Sitz hat? Der Starke und Mächtige ist vertrauenswürdige. Er verdient den Kredit. Er wird ihn zurückzahlen können.


3. Liebe Schwestern und Brüder, ich glaube, Sie ahnen jetzt schon, was ich vorhin meinte mit der Gefahr des Christkönigsfestes. Insofern nun Christus als der wahre König, dessen Herrschaft unumstößlich und ohne Grenzen ist, installiert ist, wird ihm eine solche Macht zugesprochen, dass er unseren Kredit, also unser Credo, unseren Glauben verdient. Diesen so mit Macht ausgestatteten König könnt ihr vertrauen. Das ist die Gefahr: Dass man den Glauben an die Macht koppelt. Der verdient den Kredit, der mächtig ist. Der verdient das Credo, der sich als stärkerer Gott erweist. Ja, es mag viele Götter geben, aber da gibt es den Gott der Götter. Der steht nochmals ganz oben. Da mag es viele Könige geben, aber da gibt es den König der Könige; der hat die absolute Macht. Ja, da gab es viele Götter und dann kam Bonifatius und hat die Donareiche bei Fritzlar gefällt. Und das dem germanischen Göttern geweihte Heiligtum beleidigte nicht die Götter. Der Gott der Christen war der stärkere Gott und deshalb der glaubwürdigere Gott. Der stärkere Gott ist der bessere Gott. Das Volk hat die wahre Religion, dessen Gottheit sich als stärker erweist. Bei den Religionskriegen steht immer Gott auf dem Spiel. Ich hänge doch nicht meinen Glauben an einen schwachen Gott! Ein schwacher Gott bekommt doch kein Credo; er bekommt keinen Kredit, weil er ihn nicht zurückzahlen kann. Kann Gott mein Credo zurückzahlen? Kann Gott mein Vertrauen, das ich in ihn habe, zurückzahlen, wenn es nicht ein mächtiger Gott ist? Hänge ich mein Vertrauen so sehr an die Macht Gottes, dass mein Glaube, sobald sich Gott nicht als mächtig erweist, regelrecht zerbröselt? Und jetzt sind wir beim Kern des heutigen Tages.


4. Und dann dieses Evangelium heute. Es gibt Texte, die man wirklich küssen möchte, weil sie so wertvoll sind. Da steht nun Christus, vollkommen ohnmächtig vor dem irdischen Platzhalter des römischen Kaisers, Pontius Pilatus. Und es erweist sich, dass er im irdischen Sinn keine Macht mehr hat. „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute für mich kämpfen“. Aber es kämpft niemand für ihn. Irdisch ist er machtlos. Ausgeliefert. Gibt man einem machtlosen König ein Credo, einen Kredit? Nein! Die Jünger sind allesamt geflohen. Diesem König, der bange seine Kreuzigung befürchtet, gibt mein kein Credo mehr, kein Vertrauen. Und auch hier wieder: Allen voran Petrus. Der, der Christus am meisten mir irdischer Macht aufgebläht hat, „Du bist der Messias!“, war der, der ihn nun nicht einmal mehr kennen mag: „Ich kenne diesen Menschen nicht“, beteuert er vor einer Magd. Je mehr man Christus zutraute, umso mehr wird das Zutrauen ins Gegenteil verkehrt, weil die Enttäuschung so groß ist. Hier ist der so vorher mit irdischer Macht aufgeblähte Christus wie eine Seifenblase zerplatzt. Viele Atheisten sind zutiefst enttäuschte Christen. So ist es doch immer wieder bei uns Menschen. Wir erwarten ein machtvolles Eingreifen Gottes, wir erwarten, dass er was tut, wir erwarten einen sichtbaren Ausdruck seiner Allmacht! Ist das zu viel verlangt? Schließlich geben wir ihm unser Credo, unser Vertrauen, geben wir ihn einen Kredit. Kann er ihn nicht zurückzahlen? Und dann werden wir mal krank und nichts geschieht. Da passiert Terror und Gewalt – und kein Gott greift ein. Da passieren Erdbeben und Katastrophen – und Gott hat es nicht verhindert. „Nein, du Gott bist des Kredits nicht würdig“. Selbst der Atheismus argumentiert mit der Macht Gottes: Gott kann es nicht geben, weil er das Böse zulässt.


5. Genau das ist die Gefahr des Christkönigsfestes, weil hier wieder der Glaube an die Macht gebunden wird, ja der Glaube von der Macht abhängig gemacht wird. „Christus, der König der Könige“. Das ging damals am Karfreitag bei den Jüngern schon nicht gut, warum soll es heute gut gehen? Und dann dieses wunderbare Evangelium, das Glaube und Macht entkoppelt. Hier wird der Zusammenhang von Glaube und Macht entlarvt. Der stärkere Gott ist der wahre Gott. Wer so denkt, und leider denken in unseren Tagen wieder welche so und glauben die Stärke ihres Gottes dadurch beweisen zu müssen, dass sie im Namen ihres Gottes Leute in die Luft sprengen. Dieses Evangelium entlarvt diesen furchtbaren Zusammenhang von Glaube und Macht.


6. Nein, wir müssen in der Tat damit leben, dass wir diesem Christus am Kreuz unseren Kredit, unser Credo, unseren Vertrauensvorschuss geben. Und das ist so heilsam, weil der Glaube von der Macht befreit wird und zum reinen Glauben wird.


7. Was das heißt, wird am Ende des Evangeliums ganz deutlich: „Ja, ich bin ein König“, sagt Jesus zu Pilatus. „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.“ – Für die Wahrheit Zeugnis ablege. Was ist die Wahrheit? Allein Gott ist die Wahrheit. Und Gott ist die Liebe. Also ist die Liebe die Wahrheit. Dafür hat Christus Zeugnis abgelegt: Für die Liebe. Sein ganzes Leben lang. Bis zum Kreuz. Deshalb geben wir ihm unseren Kredit, unser Vertrauen, unser Credo, weil er uns die Liebe Gottes gebracht hat und weil wir bei aller Ohnmacht in der Liebe Gottes bleiben. Der Glaube muss von der Macht befreit werden und an die Liebe gekoppelt werden. Dass wir Christen so ein wunderbares Evangelium am Christkönigsfest haben, das genau das zu leisten vermag - dafür sollte man das Evangelium wirklich küssen.

Franz Langstein

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