21.06.2015

Predigt am 12. Sonntag im Jahreskreis B 15



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Das soeben gehörte Evangelium gehört zu meinen Lieblingsevangelien. Freilich nur, wenn man es nicht missversteht als ein historisches wundersames Ereignis, was sich da auf dem See abgespielt hat. Am Ende bliebe nämlich dann nur übrig, dass man staunt, was Jesus alles kann. Sturm stillen, Wogen glätten, aber sogleich würde sich die Frage einstellen, warum er das heute nicht mehr kann. Nein, hier geht es nicht um ein Wunder, das zu bestaunen wäre und dabei würden wir es belassen. Hier geht es um eine bildhafte Beschreibung unseres Lebens. Nautische Begriffe wie Wasser, Boot, See, Wogen, Sturm dienten schon immer auch als Metaphern für das Leben. Unser Leben wird also mit dem heutigen Evangelium beschrieben. Und wie!!!


2. Schon der Anfang des Evangeliums: „Jesus sagte zu seinen Jüngern: Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren.“ Das heißt: Wir sollen, ja wir dürfen unser Leben begreifen als eine Fahrt vom einen Ufer an das andere Ufer. Schon von Anfang an unseres Lebens gilt diese Überschrift: Du bist da, weil du ein Ziel im Leben hast, das andere Ufer. Ja, wir sind überhaupt nur, weil es da ein Ziel gibt, um dessentwillen es sich lohnt, loszufahren. „Ich, dein Gott, bin von Anfang an im Boot deines Lebens, damit du dein Ziel nicht verfehlst. Komm, wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren.“ Das ist doch schon mal ein Auftakt nach Maß. Leben als Bootsfahrt zur Ewigkeit. Und vielleicht ließe sich von daher auch unsre Taufe in einem tieferen Licht sehen. Ganz früh, noch im Kleinkinderalter, werden wir getauft, weil uns genau darin das zugesagt wird: „Ich, Dein Gott, werde in der Kraft des Heiligen Geistes, mit du in der Taufe gesalbt wirst, mit dir sein und durchs Leben gehen auf das Ziel hin, zum anderen Ufer“. Taufe als Startpunkt: „Wir wollen ans andere Ufer fahren“. Das steht wie eine Überschrift über unsrem Leben. Und ich glaube, das macht was mit einem Menschen, ob er weiß, dass er nicht ziellos, planlos, zufällig, hin und her geworfen durchs Leben schlingert, sondern dass sein Leben ausgerichtet ist auf das andere Ufer, oder ob er das eben nicht weiß.


3. „Einige anderer Boote begleiteten ihn“. Ja, so ist. Wir gehen nicht allein durchs Leben. Immer wieder gesellen sich Menschen dazu; einige für kürzer, einige für länger, ja manche für immer. Menschen werden einander wichtig. Geben sich Halt und Stütze auf dem Weg zum anderen Ufer. Wir ahnen und spüren in einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit: Ohne sie wäre es schwerer, das andere Ufer zu erreichen. Ja, ohne sie hätte man vielleicht manches Mal vorzeitig aufgegeben.


4. Und dann passiert das, was im Leben auch passiert. „Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass es sich mit Wasser zu füllen begann“. Das Wasser steht einem sprichwörtlich bis zum Hals und der Gegenwind ist so heftig, dass man Panik bekommt und Zweifel, ob man überhaupt das andere Ufer erreicht, ob das Leben überhaupt noch sinnvoll ist, ob da alles gut ist. Stürme und Wogen – das Leben wird gewaltig durchgeschüttelt. Der Untergang droht. Panik, Angst, Dunkel ergreifen das Leben.


5. Und jetzt kommt eine kleine Notiz von ungeheurer Tiefe: „Jesus aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief.“ Einerseits ist das genau die Erfahrung vieler Menschen: Gott, warum schläfst du? Warum kümmerst du dich nicht? Genau das werfen die Jünger Jesus ja vor: „Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?“ Eine uralte Frage. Andererseits aber: Haben die Jünger denn recht, wenn sie das Schlafen Jesu interpretieren mit Interesselosigkeit? „Kümmert es dich nicht?“ Womöglich könnte man das Schlafen Jesu vielleicht ja ganz andere Gründe haben und dann wäre es ganz anders zu interpretieren. Kann man das Schlafen Jesu als Interesselosigkeit interpretieren? Oder kommt die Ruhe Jesu nicht aus einer ganz, ganz tiefen Verbundenheit mit dem anderen Ufer, das auf jeden Fall erreicht wird? Eine tiefe Gelassenheit und Ruhe, die aus einer tiefen Gewissheit kommt: Das andere Ufer wird erreicht. An anderer Stelle sagt Jesus einmal: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch.“ Auch hier strahlt etwas auf von einem ganz tiefen Frieden Jesu. Mitten im Sturm.


6. Nun könnte man natürlich einwenden und sagen: Schön und gut, was bringt mir das, wenn Jesus zwar tiefen Frieden hat und im Boot schlafen kann, aber die anderen haben das nicht: Sie haben Panik, Angst, Verzweiflung. Was nützt mir das, wenn Jesus Ruhe hat, aber ich voller Sorge und Angst bin? Diese Ruhe Jesu, dieses Schlafen Jesu im Boot des Lebens bedeutet doch etwas: Es bedeutet nicht, dass er sich nicht kümmert. Da irren die Jünger. Es bedeutet vielmehr: Jesus ruht so tief in unserem Leben, er ist so fest mit unserer Existenz verbunden – sonst könnten wir hier nicht Kommunion feiern -, dass genau das das Wichtigste ist. Gott hat sich so unscheinbar, so still, so klein mit unserem kleinen Leben verbunden, Gott ruht in unserem Leben, so dass man dieses Schlafen Christi im Boot unseres Lebens verwechseln kann mit seiner Abwesenheit, mit seiner Interesselosigkeit. Und viele Menschen verwechseln das. Vielmehr ist sein Schlaf im Boot zu sehen als große Verheißung: Du, Menschenkind, ich verstehe deine Ängste und Sorgen, deine Panik und Verzweiflung, aber glaube mir, ich bin bei dir, beruhige dich, wir erreichen das andere Ufer. Es ist schon bereitet und dort wirst du erwartet.“ Das Schlafen Christi ist ein Schlafen tiefen Vertrauens und großer Allmacht. Und das kann tatsächlich beruhigen. Nachdem Jesus seinen Jüngern erst mal ordentlich die Meinung gegeigt hat, weil sie genau das nicht glauben wollten – „Warum habt, ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?“ – heißt es: „Und der Wind legte sich, und es trat völlige Stille ein.“ Der Schlaf und die Ruhe Jesu können helfen, dass man selbst in großem Vertrauen zur Ruhe finden kann.


7. Ich möchte schließen mit einem Beispiel, das mir ein guter Freund erzählt hat. Allerdings ist das für mich reine Theorie, ich habe diese Erfahrung zum Glück in meinem Leben noch nicht gemacht. Aber ich musste bei dem Beispiel genau an dieses Evangelium denken. Mein Freund erzählt mir, dass ein ihm Bekannter, der ein sehr gläubiger Christ ist, aufs schwerste erkrankt ist. Und dieser Bekannte habe ihm gesagt: „Es stimmt nicht, wenn die Prediger immer wieder erzählen, man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand. Oder man falle immer nur in Gottes Hand. Nein, das stimmt nicht. Ich falle ins Bodenlose, ohne Ende, nichts trägt mehr. Kein Licht am Ende in Sicht. Aber Christus fällt mit und geht mit mir unter.“

Franz Langstein

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