12.07.2015

Predigt am 15. So. B15



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Man könnte sich ja mal die Frage stellen, ob es so etwas wie eine Absicht gibt, die Jesus mit seinem Auftreten, seinen Taten und seiner Botschaft verfolgt? Hat Jesus ein Ziel vor Augen? – Sicherlich wird man diese Frage positiv beantworten müssen. Wenn also Jesus in der Art seines Lebens, seines Handelns und seines Redens ein Ziel verfolgt, dann müssten wir dieses Ziel wohl als ein zweifaches charakterisieren: Jesus will den Menschen die Liebe Gottes so nahe bringen, dass sie daraus Annahme, Heilung, Hoffnung, Verwandlung, Trost und Geborgenheit erfahren. Und zweitens will er dadurch die Menschen zu einer neuen Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern zusammenführen. Kurz zusammengefasst: Die Menschen mit Gott zu versöhnen und untereinander zu versöhnen.


2. Und Jesus ist da nicht der große Weltverbesserer, der mit schlechtem Gewissen und großen Sprüchen herumläuft, sondern Jesus beginnt ganz klein. In seinem Umfeld. Er weiß, dass es sich mit dem Himmelreich wie mit einem Senfkorn verhält, das – obgleich sehr klein – doch, wenn es gesät ist, zu einer großen Staude heranwächst. Und er weiß, dass er Mitstreiter braucht. Aus der großen Schar der Jünger, die ihm nachfolgten, suchte er zwölf aus. „In jener Zeit rief Jesus die Zwölf zusammen und sandte sie aus, jeweils zwei zusammen.“ So beginnt das heutige Evangelium. Und es beginnt damit das, was „Kirche“ sein soll. Denn diese Zwölf, die zu zweit ausgesandt werden, haben genau diesem Ziel zu dienen, das Jesus vorgibt: Die Menschen durch die Erfahrung der Liebe Gottes mit Gott zu versöhnen und somit auch die Menschen untereinander zu versöhnen. Dies trägt Christus ihnen auf:


3. Zunächst: Mit Gott versöhnen: Jesus tut dies in der Sprache der damaligen Zeit: „Er gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben“. Die unreinen Geister: Rein – unrein spielt zur Zeit Jesu im kultischen und somit auch im gesellschaftlichen Bereich eine große Rolle. Ganze Menschengruppen galten als unrein. Gewisse Erkrankungen machten den Menschen unrein. Es gab vieles, was den Menschen unrein machte. Unrein sein heißt aber, vom religiösen Kult und der Kultgemeinschaft ausgeschlossen zu sein. Unberührbar zu sein. Auch von Gott. Damit ist klar, was mit „Austreiben der unreinen Geister“ für heute gemeint sein kann: Treibt den Menschen die Vorstellung aus, sie seien von Gott ausgeschlossen. Treibt ihnen die Vorstellung aus, sie würden Gott nicht genügen und deshalb liebe er sie nicht. Treibt die Vorstellung aus, es gäbe in ihrem Leben ein Makel, der ausreichen würde, dass sich Gott von ihnen fernhält. Nein, treibt diese unreinen Geister aus. Treibt diese Geister aus, die den Menschen glauben machen wollen, Gottes Liebe sei nicht groß genug, um wirklich jeden Menschen zu umfassen. Oder um es kurz zu sagen: Schenkt den Menschen die Versöhnung mit Gott. Dazu gab Jesus ihnen die Vollmacht. Und nur Jesus kann dazu die Vollmacht geben. Welcher Mensch würde es sich anmaßen, sagen zu dürfen: Du, kleiner schwacher Mensch, bist von Gott geliebt, versöhnt, angenommen, wertgeschätzt. Dieses Versöhnungswerk darf nur getan werden, wenn die Zwölf dazu eine Vollmacht haben. Deshalb ist ihr Handeln und Reden nicht einfach eine Art Meinung und Ansicht, sondern ist vollmächtige und somit wirkmächtige Tat und Rede Christi selbst. Sie tun und sagen dies mit der Vollmacht Christi.


4. Das ist das eine: Versöhnt die Menschen mit Gott. Das zweite ist: Versöhnt die Menschen untereinander. Deshalb gibt Jesus den Seinen einige merkwürdig erscheinende Verhaltensregeln mit: „Und er gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel, kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen.“ Jesus verlangt von den Zwölfen nicht nur, dass sie durch ihr äußeres Erscheinungsbild friedvoll und einfach daherkommen, er verlangt von ihnen vor allem, dass sie als Bittsteller kommen. Sie sind angewiesen, dass andere ihnen zu essen geben, zu trinken geben, Unterkunft geben, Gastfreundschaft gewähren. Genau in diesem Augenblick, wo der Mensch als jemand daherkommt, der auf andere angewiesen ist, entsteht Gemeinschaft.


5. Dieser Gedanke mag uns fremd sein. Wer will schon auf andere angewiesen sein. Deshalb bauen wir Mauern, bauen wir an der Einbildung: „Ich genüge mir selbst, ich brauche niemand“. Diese Selbstherrlichkeit und Abschottung und Selbstgenügsamkeit führt nicht zu einer versöhnten Gemeinschaft, sondern zu miteinander konkurrierenden Individuen und Gruppierungen. Jesus verlangt eine vollkommen andere Haltung, weil nur diese zur Versöhnung führt: Dieses Aufeinander-verwiesen-sein, diese Fähigkeit, „bitte“ sagen zu können, führt zu der Erfahrung, dass wir einander brauchen. Keiner lebt für sich allein.


6. Ich habe das einmal ganz tief erlebt bei meiner ersten Israelfahrt. Das war 1980. Ein Freund von mir, Albrecht Vey, der auch früher hier in Marburg Pfarrer war, und ich beschlossen sehr spontan – damals trauten wir uns so was noch – sozusagen von heute auf morgen nach Israel zu fliegen. Außer unseren Flugtickets, Isomatten und Schlafsäcke hatten wir nicht viel dabei und schon gar nichts geplant. Keine Unterkünfte, keine Busse, keinen Zeitplan. Uns passierte eines Tages Folgendes: Wir fuhren mit einem alten Araberbus nach Hebron. Wir stiegen an so einem stark belebten und sehr lauten Marktplatz aus. Da kam plötzlich ein etwa 12jähriger Junge auf uns zu und gab zu erkennen, dass wir ihm folgen sollten. Uns beschlich ein mulmiges Gefühl. Doch wir folgten ihm. Er führte uns durch verschiedene Gassen und über einige Treppen gelangten wir schließlich auf eine wunderschöne Dachterrasse. Da stand ein gedeckter Tisch und die Familie hatte offensichtlich Platz genommen gehabt, um zu speisen. Von der Dachterrasse konnte der Vater den Marktplatz überblicken und er sah, wie wir zwei, mit Rücksäcken bepackt, aus dem Bus ausstiegen. Da hat er seinen Sohn beauftragt, uns zum Essen abzuholen. Ich werde das nie vergessen. Es war eine wunderbare Gemeinschaft, trotz unserer verschiedenen Religionen, Muslime und Christen. Wir wurden als Bittsteller erkannt.


7. Ich kann mir das vorstellen, dass das Jesus im Blick hatte: Kommt als Bittsteller, kommt nicht selbstherrlich, abgeschottet, sondern kommt so, dass deutlich wird: Wir sind aufeinander angewiesen. Und so entsteht versöhnte Gemeinschaft.


8. Das ist der doppelte Auftrag an die Zwölf – und weil die Zwölf sozusagen das Urbild der Kirche darstellen – ist es auch der Auftrag an die Kirche: Versöhnt die Menschen mit Gott, grenzt sie nicht von Gott aus, hört endlich auf damit. Viel zu lange und viel zu oft wurden Menschen von Gott ausgegrenzt und Gott von ihnen ferngehalten. „Treibt endlich diese unreinen Geister aus“. Und versöhnt euch untereinander. Schottet euch nicht ab.


9. Damit hat Jesus klein angefangen – dann die Zwölf zu diesem Zweck zu zweit ausgesandt – und daraus ist was ganz Großes geworden. Wie bei einem Senfkorn. Wenn man so will: Das ist wohl das Wachstumsgeheimnis der Kirche.

Franz Langstein

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