11.10.2015

Predigt am 28. Sonntag im Jahreskreis B15

Mk 10,17-30


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Da kommt also ein Mann zu Jesus, der von ihm wissen will, was man tun müsse, um das ewige Leben zu gewinnen. Und er kann bereits viel vorweisen; denn er hat sich von Jugend an alle Gebote gehalten. „Prima“, könnte man meinen. Doch dann legt Jesus die Messlatte so hoch, dass der junge Mann einfach nur noch traurig davon gehen kann. „Geh, und verkaufe alles, was du hast, und gib das Geld den Armen… Da ging der Mann traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen“. Und Jesus setzt noch einen drauf: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“ Und weiter heißt es: „Die Jünger aber erschraken und sagten zueinander: Wer kann dann noch gerettet werden?“ Und spätestens jetzt spüren wir: Das könnten auch wir gesagt haben. Wenn es so um das Himmelreich bestellt ist, dass man in Armut leben soll, wer kann dann von uns noch gerettet werden?


2. Jetzt weiter zu predigen, bedeutet auch die Gefahr, alles zu beschönigen, klein zu reden, zu nivellieren, für nicht so schlimm zu erklären. Nein, dieser Text muss uns ein Stachel bleiben. Zumal ja die Armut zu den drei evangelischen Räten gehört: Armut, Gehorsam, Jungfräulichkeit. Das sind die drei evangelischen Räte, d.h. die Ratschläge, die dem Evangelium zu entnehmen sind für das Leben. Also auch von daher lohnt es sich, mal inne zu halten und nachzuspüren, was mit der Armut als Ratschlag des Evangeliums gemeint sein könnte. Es ist aber klar, dass hier nicht das Elend, sondern die freiwillige Armut gemeint ist.


3. Ich will das anhand einer Person tun, dessen kirchlichen Gedenktag wir vor einer Woche begangen haben: Der heilige Franz von Assisi. Er hat ja ganz radikal die Armut gelebt. Geboren um 1181 in Assisi entstammte er einem reichen Elternhaus. Sein Leben war abgesichert, aber inhaltslos. Zu dieser Zeit kamen die ersten Kreuzritter aus dem Heiligen Land zurück und berichteten von den Stätten, an denen Jesus lebte und wirkte. Plötzlich rückte wieder der irdische Jesus ins Bewusstsein der Gläubigen. Nicht mehr so sehr der herrscherliche Christus, sondern Jesus, der in Einfachheit und Armut in Israel lebte. Das packte auch Franz von Assisi und er verließ sein Elternhaus. Er wollte wie Jesus leben, arm und einfach; und das mit aller Radikalität. Kein Geld, kein Besitz. Was passiert mit einem Menschen, der diese freiwillige Armut so lebt?


4. Einmal: Ein solcher Mensch macht die beglückende Erfahrung, beschenkt zu werden und beschenkt zu sein. Weil ein solcher Mensch ganz auf andere angewiesen ist, lernt er Vertrauen und er erfährt, dass das Vertrauen nicht enttäuscht wird. Diese Verwiesenheit auf andere stiftet Freundschaft, stiftet Gemeinschaft. Es entsteht eine Gemeinschaft, in der jeder auf den anderen achtet und nicht zuerst auf sich achtet. Hier wird dann tatsächlich ein Stück Himmelreich auf Erden erfahrbar. Der Reiche dagegen braucht den anderen nicht. Er sorgt nur für sich selbst. Er baut Mauern um sich, nicht nur, um sich vor anderen zu schützen, sondern auch ganz für sich zu sein. Für das Himmelreich taugt diese Haltung nicht.


5. Etwas von dieser neuen Gemeinschaft ist ja auch im heutigen Evangelium angedeutet: „Da sagte Petrus zu Jesus: Du weißt, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Jesus antwortete: Jeder, der Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen: Jetzt in dieser Zeit wird er Häuser, Brüder, Schwestern, Mütter, Kinder und Äcker erhalten, und in der kommenden Welt das ewige Leben.“ Es entsteht eine neue Gemeinschaft. Man ist aufeinander angewiesen und gibt und lebt füreinander.


6. Und es gibt noch ein Zweites, das wir dem heutigen Evangelium als Sinn der Armut entnehmen können. Der Arme ist verwiesen auf andere. Er fühlt sich beschenkt. Dem Reichen dagegen ist das fremd. Er fühlt sich nicht beschenkt, denn er verdient es sich ja. Geld ist ein Tauschmittel. „Ich gebe dir etwas Geld und du gibst mir die Ware“. Das Beschenktsein hat hier keinen Platz. Alles wird zum Verdienst, zum Anspruch, zum einklagbaren Recht. Niemand muss jemanden etwas schenken. Und damit beginnen die ganzen Ungerechtigkeiten. Wir sehen das bei dem jungen Mann, der das ewige Leben gewinnen will. Schon die Frage: Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Zu gewinnen! Wo hoch muss also mein Einsatz sein? Deshalb hat der junge Mann alle Gebote gehalten von Anfang an. Er will das ewige Leben gewinnen. Er scheut keinen Einsatz. Und das bricht Jesus auf: „Eines fehlt dir noch!“ Das Entscheidende fehlt dir noch! Das heißt, wenn Menschen einander nur begegnen im Anspruchsmodus und Verdienstdenken und Gewinnstreben, dann wird das Leben auf der Erde zur Hölle. Begegnen wir aber einander mit dem Gefühl, dass wir auf Erden sind, um einander zu beschenken mit unseren Gaben, einander beizustehen, und dass wir wissen, dass die ganze Schöpfung mit all dem, was sie hervorbringt, Geschenk ist, Gabe, dann ahnen wir etwas, was Reicht Gottes bedeutet.


7. Die freiwillig gewählte Armut ist so durchaus ein Rat des Evangeliums, um zur Fülle des Lebens zu kommen. Dahinter steht die Fähigkeit, füreinander dazu sein, sich zu beschenken, und die Schöpfung als Gabe zu erfahren, ein Stück Himmel auf Erden; Reich Gottes. Dieser Rat würde eine andere Lebenskultur hervorbringen.

Franz Langstein

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