10.05.2015

Predigt am 6. Sonntag der Osterzeit B 15



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Beziehungen zwischen Menschen können sehr vielfältig sein. Um diese ins Wort zu fassen, haben wir verschiedene Beschreibungen dieser Beziehungen: Es reicht von „Feind“ bis hin zum „Freund“ mit allen Abstufungen dazwischen. Aber diese Begriffe, wie z.B. „Freund“, bekommen immer erst am Ende eines Prozesses, eines Reifens und Wachsens ihren vollen Sinn und ihre ganze Inhaltsfülle. Wenn zwei Menschen sich kennen lernen, sind sie nicht gleich Freunde. Es muss sich entwickeln. Von der bloßen Sympathie bis hin zu Kameradschaft, gegenseitig wachsendem Interesse ist es ein Weg, bis zwei Menschen von sich sagen: Wir sind Freunde. Man kann ganz allgemein sagen: Begriffe, die Beziehungen beschreiben, stehen am Ende, nicht am Anfang. Der Begriff „Freund“ ist am Ende eines Prozesses, eines Reifens und Wachsens sinnvoll, mit Inhalt gefüllt und erfahrungsgeladen.


2. Warum ich das hier am Anfang so betone? Nun, wir haben eben im Evangelium genau diesen Begriff „Freund“ insgesamt dreimal gehört. Am dichtesten in dem Satz: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt, denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich vom Vater gehört habe.“ Auch hier steht der Begriff „Freund“ am Ende. Im Abendsmahlssaal, bei den Abschiedsreden Jesu. Also: nachdem die Jünger die ganze Zeit mit Jesus verbracht haben, nachdem die Gemeinschaft zusammen gewachsen war, da ist der Begriff „Freund“ angemessen und sinnvoll und mit Inhalt und Erfahrung gefüllt. Ganz am Anfang wäre er ohne Erfahrung gewesen, somit inhaltsleer und überfordernd. Ganz am Anfang wäre er nur theoretischer Natur gewesen: „Weißt du schon, dass Jesus dein Freund sein will?“ Und deswegen wäre er überfordernd. Es käme so rüber, dass man diese Freundschaft nun als moralische Aufforderung missversteht: „Ich muss jetzt auch der Freund von Jesus werden, weil Jesus mein Freund sein will.“ Nein, gerade der Begriff „Freund“ im Sinne des heutigen Evangeliums, „nicht mehr Knechte, sondern Freunde“, steht nicht am Anfang, sondern am Ende.


3. Das ist ja so manches Mal die Gefahr auch in der religiösen Verkündigung, wenn man dann sagt: „Jesus ist der Freund aller, vor allen der Zöllner und Sünder.“ Und daraus nun fordert: „Du wirst doch begreifen, dass auch Jesus dein Freund ist.“ Esther Maria Magnis, die vor etwa zwei Jahren hier in Marburg war, um ihr Buch „Gott braucht dich nicht“ vorzustellen, schreibt in diesem Buch rückblickend, wie solche Sätze auf sie gewirkt haben, als sie ungefähr 14 Jahre alt war; also so ein Satz z.B. „Jesus ist der Freund der Sünder und Zöllner“. Sie schreibt. „Ich hatte genug Freunde. Ich brauchte als Vierzehnjährige nicht noch einen Unsichtbaren und schon gar keinen orientalischen Pazifisten mit Schlappen und Vollbart, der sich für mich, wie ich dachte, eh nicht sonderlich interessiert hätte, weil ich weder Nutte noch Zöllner war. Außerdem hatten wir einen Mercedes, der nicht durchs Nadelöhr gepasst hätte.“ Ja, das kann passieren, wenn der Begriff „Freund“ am Anfang steht und noch keinerlei Inhalt und Erfahrung hat. Dann wirkt er übergestülpt und überfordernd.


4. Deshalb ist es schwierig, über Freundschaft mit Christus zu sprechen, weil das sehr schnell theoretisch werden kann. Man müsste also über Erfahrungen sprechen, die jene Menschen gemacht haben, die tatsächlich so etwas sagen können: „Christus ist mein Freund“. Welche Erfahrungen liegen einer solchen Aussage zugrunde? Oder nochmals anders gefragt: Welche Erfahrungen liegen denen zugrunde, die uns in der Hl. Schrift so einen Satz überliefern konnten: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt, denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich vom Vater gehört habe.“ Hier liegen zwei Erfahrungen zugrunde, die ich hier nur kurz skizzieren kann.


5. Es ist der Gegensatz von Knecht und Freund. Der Knecht ist in einer Lohnabhängigkeit gegenüber seinen Dienstherren. Er bekommt für sein Arbeiten nicht die Freundschaft des Herrn, sondern nur Lohn. Er kann sich noch so abstrampeln, mehr gibt es nicht. Und der Knecht muss Angst haben, wenn er die geforderte Leistung nicht erbringt, entlassen zu werden. Der Knecht steht also immer außerhalb der Freundschaft, da kann er noch sich so abstrampeln. Der Freund dagegen braucht sich überhaupt nicht abzustrampeln. Er wird geliebt und gemocht und wertgeschätzt, weil er der Freund ist. Und er empfängt, obwohl er sich nicht abmühen muss, trotzdem viel mehr als der Knecht, der Lohn bekommt, er empfängt Zuneigung, Wärme, Geborgenheit, Liebe. Ich denke, dass das so eine Erfahrung war: Wir stehen nicht mehr im Knechtschaftsverhältnis zu Gott. Wir müssen nicht Angst haben, aus seiner Liebe herauszufallen, weil wir zu wenig tun. Wir müssen nicht so von uns denken, dass wir wie ein Knecht die Gunst Gottes verdienen müssten. Und wir brauchen nicht darauf erpicht zu sein, welchen Lohn wir bekommen, sondern wir erhalten Freundschaft und Liebe und Wertschätzung Gottes einfach deshalb, weil wir sind, nicht, weil wir etwas tun. Ich glaube, wenn ein Mensch diese Erfahrung gemacht hat, dann kann er sagen: Christus ist mein Freund.


6. Und es gibt noch eine zweite Erfahrung der Freundschaft, die mit dem Satz „vielmehr habe ich euch Freunde genannt, denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich vom Vater gehört habe“ ausdrückt. Es geht um die Mitteilung Gottes. „Ich habe euch alles mitgeteilt, was ich vom Vater gehört habe“, meint nicht: Infos über Gott, meint nicht moralische Lebensweisungen, meint nicht Gebote zum vollkommenen Leben, sondern im Johannes-Evangelium meint dieses „alles mitgeteilt, was ich vom Vater gehört habe“, die Selbstmitteilung Gottes. In Jesus kommt Gott selbst so zur Sprache (das Wort ist Fleisch geworden), dass Gott sich selbst mitteilt. Die ganze göttliche Fülle. Es ist eine Deutung der Bildrede vom Weinstock und den Reben. Deshalb, aufgrund der radikalen Selbstmitteilung Gottes, sind wir Freunde, weil man nur einem Freund sich ganz und gar mitteilt.


7. Ich glaube, erst dann, wenn dem Menschen solche Erfahrungen aus dem Glauben zugrunde liegen, kommt er dazu zu sagen: Jesus ist mein Freund. Am Ende eines Glaubensprozesses und Glaubensweges, nicht am Anfang.

Franz Langstein

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