08.11.2015

Predigt am 32. Sonntag im Jahreskreis B15

Mk 12, 38-44


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Zwei arme Witwen sind heute unsere Lehrmeisterinnen. Zwei Witwen weit unterhalb des Existenzminimums, wie wir vielleicht sagen würden. Die eine lebte zur Zeit des Alten Testaments, zur Zeit des Propheten Elijas. In dieser Zeit herrschte Hungersnot. Diese Frau hatte nicht einmal genug zu essen für ihren Sohn und für sich. Und da kommt Elija und verlangt eigentlich etwas Unverschämtes: „Mache zuerst für mich ein kleines Gebäck und bring es zu mir heraus. Danach kannst du für dich und deinen Sohn etwas zubereiten.“ Die andere Witwe lebte zurzeit Jesu. Sie warf zwei kleinen Münzen in den Opferstock des Tempels. Damit gab sie alles, was sie besaß. Zwei Witwen, die uns heute vorgestellt werden. Zwei Witwen, die alles gaben. Erschreckend diese radikale Form. Unmöglich, diese Beispiele ernst zu nehmen. Ja, vielleicht. Aber wir übersehen dabei eins: Es waren nicht nur zwei Witwen, die alles gaben; es waren auch zwei Witwen, die alles gewannen. Die Witwe aus dem Alten Testament erfährt die große Gnade, dass ihr Mehltopf nicht mehr leer wird und ihr Ölkrug nicht versiegt, dass sie selbst in der größten Not sicheres Leben hat. Und die Witwe aus dem Neuen Testament wird von Jesus gepriesen. Das ist wie eine Zusage der Ewigkeit. Indem beide Witwen alles gaben, haben sie alles gewonnen. Wie ist so etwas möglich? Wie sollen wir uns das vorstellen?


2. Wir können uns das leichter vorstellen, wenn wir uns das Gegenteil dessen anschauen, wie sich hier die beiden Witwen verhalten haben. Auch dieses Gegenteil wird uns im heutigen Evangelium geschildert. In radikaler Wortwahl spricht Jesus von den Schriftgelehrten: „Nehmt euch in acht vor den Schriftgelehrten! Sie wollen in den Synagogen die vordersten Plätze und bei jedem Festmahl die Ehrenplätze haben. Sie verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete.“ Hier geht es nur um den eigenen Vorteil. Selbst das Religiöse wird dazu benutzt, sich Vorteile zu verschaffen. Menschen, die nur um sich selbst kreisen. Menschen, die selbst mit dem Religiösen kalkulieren, ob es ihnen was bringen könnte. Lohnt es sich, religiös zu sein? Religion als Opium. Religion als Vertröstung. Religion als Zuckerguss für das Leben, besonders an Weihnachten oder bei kirchlichen Hochzeiten, die natürlich außergewöhnlich schön sein müssen. Ansonsten ist einem die Kirche ja egal. Alles, selbst Gott, hat um mich zu kreisen. Oder nehmen wir die andere Beobachtung aus dem heutigen Evangelium: „Jesus hatte sich gegenüber dem Opferkasten hingesetzt und schaute zu, wie die Menge Geld in den Katen warfen. Viele Reiche gaben viel“. Und dennoch, so stellt Jesus fest, gaben sie nur etwas von ihrem Vermögen ab. Sie geben eben nicht ganz, sondern nur teilweise.


3. Und spätestens jetzt merken wir, worum es geht. Es geht nicht um Geld oder Zinsen, wie viel oder wie wenig jemand gibt. Es geht um eine Haltung der Hingabe. Beda Venerabilis, der bekannte englische Mönch und Kirchenlehrer des 7./8. Jahrhunderts hat die zwei Münzen, die die Witwe in den Opferstock des Tempels geworfen hatte, gedeutet als die Münzen der Gottes- und Nächstenliebe. Und dann passt das genau dazu, was kurz vorher im Markus-Evangelium zu lesen war: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Darauf kommt es an. Die beiden Münzen waren Ausdruck dieser Liebe aus ganzer Kraft, ganzem Herzen. Mehr war für die Witwe nicht möglich. Sie hatte eben nur diese beiden kleinen Münzen. Aber damit hat sie ihre ganze Liebe gezeigt. Es kommt also nicht auf die Münzen an, auf die Höhe des Betrages, sondern die Münzen sind ein Gleichnis der Ganzhingabe der Witwe. Sie kalkuliert nicht. Sie gibt. Die Haltung, die dahinter steht, ist entscheidend. Aber die Frage, die eigens gestellt wurde, ist immer noch unbeantwortet. Wie kommt es, dass die Witwen, indem sie alles gaben, alles gewonnen hatten? Wieso wurde die Witwe, die alles, was sie hatte, in den Opferstock warf, von Jesus gepriesen? Worin besteht der Gewinn?.


4. Spätestens an dieser Stelle spüren wir, dass solche Evangelien nicht einfach aufgeschrieben wurden als moralische Handlungsanweisung für den Einzelnen, sondern sie sind gerichtet an eine Gemeinschaft von Christen, an eine Gemeinde, an Menschen, die das Reich Gottes auf Erden umsetzen sollen. Dieses Evangelium ist überhaupt nicht vorstellbar ohne Gemeinschaft. Von was soll denn die arme Witwe leben, wenn sie alles gibt, was sie selbst zum Lebensunterhalt braucht? Sie würde nicht gewinnen, sie würde verhungern. Der bekannte Neutestamentler Gerhard Lohfink schreibt hierzu: „Die Gottesherrschaft ist nicht eine nebulöse Sache. Sie verlangt vielmehr den konkreten Raum, und dieser hat gesellschaftliche Dimension. Die Gottesherrschaft entfaltet dort ihre Kraft, wo Menschen das von Gott gestiftete neue Miteinander leben und für dieses Miteinander alles einsetzen, was sie haben. Dann ist die arme Witwe nicht mehr allein. Dann gibt es viele, die ihr Schutz biete, die mit ihr das Mahl teilen.“ Es geht also um genau jene Haltung, wo Menschen aufeinander achten und füreinander da sind. Nicht um das egoistische Um-sich-selbst-Kreisen, wie bei den Schriftgelehrten oder um das ängstliche Almosengeben, mehr aus Pflicht zur Beruhigung des eigenen Gewissens. Wie dringend nötig hätte die Welt jene Haltung der beiden Witwen. Schenken zu können, weil man selbst beschenkt wird in einer Gemeinschaft von Menschen, die füreinander da sind. Das ist der Gewinn, wo Menschen in der Hingabe füreinander leben. Und das ist Verlust, wenn Menschen nur aus Kalkül miteinander umgehen. Berechnend – Einsatz und Nutzen abwägend.

Franz Langstein

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