08.02.2015

Predigt am 5. Sonntag B15

Mk 1,29-39


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Es gibt in so manchen Evangelien kleine Nebensätze, bei denen ich beim Lesen hin und wieder hängenbleibe und mich frage, ob solche Nebensätze nicht auch eine tiefe Bedeutung haben können. Und so habe ich mir gedacht, soll es heute einmal nicht um die Hauptsache dieses Evangeliums gehen, also um die Heilung der Schwiegermutter, - die interessiert heute ausnahmsweise mal nicht -, sondern um eine kleine Nebenbemerkung, der man aber doch eine enorme Tiefe abgewinnen kann. Weiter unten im Evangelium heißt es nämlich: „In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand Jesus auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten.“


2. Jesus geht also an einen einsamen Ort, er geht in die Einsamkeit. Er will allein sein. Man könnte nun meinen, dass das irgendwie verständlich ist – bei so viel Trubel um ihn herum, da will er auch mal seine Ruhe haben, abschalten, für sich sein. Vielleicht fällt uns dabei so etwas wie Urlaub ein: Da will der Mensch auch heraus aus dem Trubel, mal abschalten, mal zur Ruhe kommen. Aber kann man das so vergleichen? Will Jesus einfach nur abschalten? Will er einfach nur zu Ruhe kommen – also so eine Art Auszeit nehmen? So zu denken, würde den tiefen Sinn dessen verfehlen, warum Jesus immer wieder in die Einsamkeit geht.


3. Einsamkeit oder einsam sein ist bei uns Menschen meistens negativ besetzt. Es bedeutet so viel wie, keine sozialen Kontakte zu haben, gemieden zu sein, abgeschieden zu, also soziale Isolation. In dem Sinn wäre Einsamkeit in der Tat etwas Negatives. Aber wenn Jesus die Einsamkeit aufsucht, dann ist das etwas ganz Anderes. Jesus leidet bestimmt nicht an sozialer Isolation oder an einem Mangel sozialer Kontakte oder Beziehungen. Deshalb ist sein bewusstes Aufsuchen der Einsamkeit anders zu deuten. Für ihn ist Einsamkeit etwas Wertvolles, etwas, dem er sich hin und wieder hingibt. Jesus will allein sein. Warum? Viele Menschen meiden doch das Einsamsein und das Alleinsein?


4. Der Mensch ist beides. Er ist sowohl ein soziales Wesen und ein in sich ruhendes Wesen. Er lebt nach außen auf andere hin und lebt nach innen zu sich hin. Er ist gesellig und allein. Er ist ein Gruppenwesen und ein von den Gruppenmitgliedern einmalig unterschiedenes Wesen. Wir kennen das ja auch irgendwie: Es gibt Gefühle, Erfahrungen, Ansammlungen von verschiedenen Dingen, die unser Leben geprägt haben, weshalb wir so sind, wie wir sind. Das alles bin ich. Unverwechselbar. Das Gesamt all meiner Erfahrungen und Lebenstage bin ich. Ich allein. Und ich kann davon immer nur etwas mitteilen. Nicht das Gesamt meines Lebens. Auch wenn andere sagen: Ich kann dich gut verstehen, bleibt es immer nur ein Verständnis eines Teiles von mir. Mit dem Gesamt meines Lebens bin ich mit mir allein. So war das oft bei Soldaten, die den zweiten Weltkrieg erlebten oder in Afghanistan waren: Es wird berichtet, dass sie sehr schweigsam sind. Sie erzählen wenig von dem Erlebten. Weil es eben so tief eingegraben ist in einem persönlichen Erleben mit so vielen Gefühlen, Verletzungen, Ängsten: Das kann nicht in Worte gefasst werden. „Mich kann ja doch keiner verstehen“. Und in gewisser Weise stimmt das. Im tiefsten Wesen dessen, wer ich bin, das Gesamt aller meiner Prägungen und meines Lebens, bin ich mit mir allein. Bin ich einsam. Ich kann mich als Ganzer nicht ganz mitteilen.


5. Wenn also der Mensch in diese Einsamkeit, also in seine wesensmäßige Einsamkeit, nicht in die Einsamkeit einer sozialen Isolation, sondern in seine wesensmäßige Einsamkeit eintaucht, dann ist er ganz bei sich. Er berührt seine tiefste Identität. In diese Einsamkeit hineinzugehen, können deshalb nur Menschen, die ein gutes Selbstwertgefühl haben. Denn in dieser Einsamkeit wird man mit sich selbst konfrontiert. Manche ertragen das nicht und meiden die Einsamkeit und lenken sich ständig ab. Dauerberieselung von früh bis spät. Sie kennen das berühmte Zitat von Arthur Schopenhauer. „Alle unsere Leiden kommen daher, dass wir nicht allein sein können.“, weil wir der Mensch sich eben nicht erträgt. Jesus aber kann immer wieder in eine Einsamkeit gehen. Es ist Ausdruck seines Wesens. In der Einsamkeit begegnet er seinem tiefsten Wesen. Und davor hat Jesus keine Angst. Denn er lebt in tiefstem Wesen in Vereinigung mit Gott.


6. Und damit kommen wir zum tiefsten Sinn der Einsamkeit. Wenn ich schon das Gesamt meines Lebens niemanden so mitteilen kann, dass er voll und ganz teil hat an mir, und dass das genau die Erfahrung von Einsamkeit ist, mit dem Gesamt meines Lebens allein zu sein, dann bedeutet das christlich gesprochen: Wenn schon niemand mich voll und ganz verstehen kann, da ist aber doch in meiner Einsamkeit einer, in dem ich mit dem Gesamt meines Lebens liebevoll umfangen bin und der mich versteht. Er allein. Gott. Wo sich also der Mensch seiner tiefsten Einsamkeit bewusst wird, also seines eigentlichen Wesens, dem Gesamt seines Lebens, dann spürt er, dass dieses gesamte Leben, so wie es geworden ist, geborgen ist in einer ganz großen Liebe und Wertschätzung und Annahme. Einsamkeit wird zum Ort der Gottesbegegnung, Einsam sein zur Möglichkeit der Gotteserfahrung. Das, was ich mit mir herumtrage, was mir so schwer fällt, einem anderen verständlich zu machen, was er wahrscheinlich immer nur missverstehen würde, weil er mein Leben als Ganzes mit seinen Prägungen nicht kennt, das alles ist also tief geborgen in Gott. Deshalb sucht Jesus immer wieder die Einsamkeit auf. Sie ist der Ort, an dem Gott schon immer wohnt. „In aller Frühe als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten.“

Franz Langstein

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