06.09.2015

Predigt am 23. Sonntag im Jahreskreis B15

Mk 7,3-37


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Das heutige Evangelium von der Heilung eines Taubstummen steht in der Reihe manch anderer Evangelien, wie z.B. die Heilung eines Blinden. Man kann zusammenfassend Folgendes feststellen: Bei diesen Erzählungen geht es um Taubheit, Blindheit, Stummheit, d.h. es geht um jene Möglichkeiten des Menschen, die für ihn ganz wichtig sind in Bezug auf das Wahrnehmen der Wirklichkeit um ihn herum. Es geht um die Kommunikationsfähigkeit des Menschen mit seiner ihn umgebenden Wirklichkeit. Wegen Blindheit, Taubheit, Stummheit ist das In-Beziehung-treten mit der Wirklichkeit eingeschränkt. Es muss eine Heilung erfolgen, damit der Mensch in einen besseren Kontakt zur Wirklichkeit kommen kann.


2. Wenn wir das erst mal so ganz allgemein festhalten, dann müssen wir sagen, dass durch die heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse diese Evangelien noch einmal ganz neu verstanden werden können als die früheren Generationen möglich war. Wenn wir also von Blindheit und Taubheit sprechen, dann müssen wir erst mal ganz allgemein festhalten, dass jeder Mensch blind und taub ist für ganz, ganz große Bereiche der Wirklichkeit. Was hören wir denn schon? Wir hören Frequenzen von 16 Hz bis etwa 18.000 Hz. Darunter und darüber hören wir nichts. Fledermäuse, die im Ultraschallbereich kommunizieren, hören wir schon nicht mehr. Es scheint so, als seien die Fledermäuse ganz ruhig. In Wahrheit geben sie ein Feuerwerk von Lauten von sich. Nur - wir können sie nicht hören. Große Teile von Schallwellen können wir nicht wahrnehmen. Ähnlich verhält es sich mit unseren Sehvermögen. Wir sehen gerade mal das optische Spektrum der elektromagnetischen Wellen, von rot bis violett. Jenseits von Rot Violett sehen wir nichts mehr. Würden unsre Augen auch im Ultravioletten, im Infraroten oder gar im Mikrowellen- oder im Röntgenwellenbereich empfindlich sein, würden wir unsere Welt ganz anders sehen. Wir sehen also unsere Welt gar nicht so, wie sie ist, sondern wir sehen sie so, wie unsere Augen es ermöglichen, sie zu sehen. Wir hören und sehen immer nur einen äußerst begrenzten Bereich der Wirklichkeit. Für andere Bereiche sind wir taub und blind, und zwar nicht, weil wir es eventuell noch lernen könnten, sondern weil diese Sinne gar nicht imstande sind, mehr zu hören und zu sehen. Sie sind bei aller staunenswerten Leistungsfähigkeit dennoch sehr begrenzt, wie wir heute wissen. Wer also heute noch sagt: „Ich glaube nur, was ich sehe“, dem ist nicht mehr zu helfen. Wenn es also schon von unserem natürlichen Bereich gilt, dass wir sagen müssen: Wir sind grundsätzlich taub und blind für große Teile der Wirklichkeit, um wie viel mehr müsste das dann nicht auch von den sogenannten übernatürlichen Dingen gelten, von der Wirklichkeit Gottes?


3. Auch hier gibt es eine grundsätzliche Taubheit und Blindheit. Wir haben vielleicht Ahnungen, Glauben, fetzenhafte Gewissheiten, stammelnde Versuche der Gottesbeschreibung, aber grundsätzlich ist unser Sensorium wenig bis gar nicht geeignet, Gott zu erfassen. Deshalb ist auch das Gefühl der Gottesferne, das manche Menschen empfinden, erst einmal auch ein ganz normales und natürliches Gefühl. Sinneswesen, die wir sind, nehmen eben Wirklichkeit über die Sinne auf, auch göttliche Wirklichkeit. Aber da sind wir begrenzt.


4. Und hier bekommen nun diese Wundererzählungen eine ganz tiefe Bedeutung, wenn man sie auf der Zeichenebene zu verstehen sucht. Wenn der Mensch eine grundsätzliche, natürliche und unverschuldete Taubheit und Blindheit Gott gegenüber oder der göttlichen Wirklichkeit gegenüber, hat, dann kann diese nicht vom Menschen selbst her aufgebrochen werden, sondern Gott müsste das Problem lösen, um es mal salopp zu sagen. Und liegt nicht genau nun in diesem Zusammenhang ein ganz tiefer Sinn in unserem christlichen Glauben, wenn wir bekennen: Gott ist Mensch geworden? Gott hat sich unseren Sinnen zugänglich gemacht? Gott hat sich unseren Sinnen erfahrbar gemacht? Und liegt nicht genau darin die Heilung? Können wir ganz kühn sagen: Gott ist sinnlich geworden? Ralf Stolina, Professor für Systematische Theologie an der Universität Münster, sagte einmal in einem Vortrag, dem ich beiwohnen durfte: „Das Geheimnis Gottes ist nicht seine Unsichtbarkeit, sondern seine Sichtbarkeit“. Ein gewagter Satz, aber in unserem Zusammenhang einleuchtend.


5. Und in diesem Zusammenhang bekommen auch unsere Sakramente einen ganz tiefen Sinn: Sie sind den Sinnen zugängliche Zeichen, durch die wir Gottesnähe erfahren. Brot, Wein, Wasser bei der Taufe, Öl bei der Krankensalbung, heilige Worte, die dazu gesprochen werden… All das sind Zeichen, die unsere Taubheit und Blindheit durchbrechen, die uns heilen an unserer grundsätzlichen Begrenzung Gott gegenüber, weil Gott in unsere Grenzen eingebrochen ist. Deshalb ist auch unser Sonntagsgottesdienst tatsächlich eine sinnliche Erfahrung und Begegnung Gottes, weil er in konkreten, sinnlich erfahrbaren Zeichen unter uns ist.

Franz Langstein

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Gottesdienste

Samstag 18.00 h Vorabendmesse alle 2. Wochen in St. Jakobus, Wenkbach
Sonntag 11.00 h Heilige Messe
Sonntag 11.00 h Kinderwortgottesdienst im Kirchensälchen, am 2. und 4. Sonntag im Monat


(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen
Donnerstag 9.45 h Heilige Messe im APH St. Elisabeth, Lahnstraße 8
Freitag 18.30 h Heilige Messe