04.10.2015

Predigt am 27. Sonntag im Jahreskreis B15

ERNTEDANK

Vorher GL 466 aufschlagen (altes GL 285)

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Heute fällt das diesjährige Erntedankfest auf den 4. Oktober und somit auf den Gedenktag des heiligen Franz von Assisi. Hat beides etwas miteinander zu tun? Sie wissen, dass Franz von Assisi wegen seiner Naturverbundenheit gern auf die Fahne ökologischer Bewegungen und Parteien geschrieben wird. Und genau deshalb ließe sich ohne Weiteres eine Verbindung herstellen zwischen Franz von Assisi und dem Erntedankfest. Aber Vorsicht! Äußerste Vorsicht! Es stimmt: Man wird eine Menge von Franz von Assisi lernen im Umgang mit der Schöpfung. Um aber wirklich aus der Haltung des Franz von Assisi etwas für das heutige Erntedankfest zu gewinnen, müssen wir da ganz genau hinschauen. Denn die Haltung des Franz von Assisi unterscheidet sich wesentlich von der Haltung vieler moderner Menschen und vieler Menschen in den Umweltbewegungen. Dort wird er oft völlig missverstanden.


2. Franz von Assisi war in seinem ganzen Denken ein mittelalterlicher Mensch und damit ganz anders als der heutige moderne Mensch, der durch Technik und Naturwissenschaft einen ganz anderen Zugang zur Natur hat. Die Natur ist heute entzaubert. Sie ist ein biologisches Phänomen. Sie ist nicht mehr Abglanz und Gleichnis von Gottes Weisheit. Und der heutige Mensch fühlt sich eher der Natur gegenüber. Selbst der, der sagt, er müsse die Natur schützen, tut damit schon kund, dass er als Beschützer auftritt und somit der Natur übergeordnet ist und ihr gegenüber steht. Franz von Assisi war in dem Sinn nicht der Natur verbunden, als ob er nun als deren Beschützer auftreten müsste, sondern er war der Schöpfung verbunden. Und wenn wir von Schöpfung reden, dann reden wir vom Werk Gottes. Franz von Assisi verstand sich eingewoben in ein großes Ganzes, das wir Schöpfung nennen. Er verstand sich als ein kleinen Teil eines ganz großen Ganzen, in dem es nicht so sehr ein Gegenüber von Mensch und Natur gibt, sondern in dem es das große Miteinander und Füreinander gibt. Alles lebt voneinander und aufeinander hingeordnet. Die Trennung von Objekt (Natur) und Subjekt (Mensch) war diesem Denken noch völlig fremd. Gott war als Schöpfer allein das Subjekt. Und sein Glanz und sein Handeln und seine Liebe und Sorge zeigt sich im Gesamt der Schöpfung. Deshalb sind für Franz von Assisi die einzelnen Geschöpfe Brüder und Schwestern.


3. Wie kam Franz von Assisi zu dieser besonderen Tiefe, die ihn dazu brachte, die Geschöpfe mit Bruder und Schwester anzusprechen? Es war hauptsächlich sein extremes Armutsideal. Franz von Assisi war Sohn eines reichen Kaufmanns. Sein Leben war abgesichert, aber irgendwie ohne Inhalt. Damals kamen die ersten Kreuzfahrer aus dem Heiligen Land zurück und berichteten von den Stätten, an denen Jesus gewirkt hatte. So kam der irdische Jesus wieder in den Blick. Wie hat Jesus auf Erden gelebt? Nicht mehr so sehr der Christus, der herrscht in Herrlichkeit, sondern der Jesus, der arm und einfach auf Erden lebte, geriet wieder in den Blick des Glaubens. Das hatte Franz von Assisi tief berührt. Er wollte wie Jesus leben, arm und einfach. Er verließ sein Elternhaus und lebte fortan in Armut, aber in freiwillig gelebter Armut. Ganz konsequent. Ohne Besitz, ohne Geld. Was für Erfahrungen macht ein Mensch, der bewusst so arm lebt? Unter anderem macht er die Erfahrung des Beschenktseins. Weil jemand, der selbst nichts besitzen will, ganz auf andere angewiesen ist, macht er die Erfahrung, beschenkt zu werden. Er macht die Erfahrung, zuerst ein Empfangender zu sein. Und dies ist, wenn man die Größe hat, sich beschenken zu lassen, eine ganz beglückende Erfahrung. Ich empfange und ich werde beschenkt! Und dann wird ein Mensch sensibel für das, was die Schöpfung gibt. Diese Sensibilität drückt sich aus in dem berühmten Sonnengesang. Schauen wir da kurz rein. (GL 466 bzw. aGL 285). Da fühlt sich jemand tief beschenkt von der Schöpfung und tief in dankbarer Gemeinschaft mit allen Geschöpfen.


4. Das wäre die richtige Haltung des Menschen der Natur gegenüber. Eine Haltung, die aus der Erfahrung eigener Geschöpflichkeit kommt und somit des Verwiesenseins aufeinander, und nicht eine Haltung, die durch den Verstand kommt nach dem Motto: „Jetzt müssen wir mal die Natur bewahren, sonst gibt’s uns bald nicht mehr“. Nein, die Bewahrung der Natur kommt nicht aus einem moralischen Apell, sondern aus einer Erfahrung des Herzens: Ich bin dankbar für alles, was ich empfange.


5. Deshalb wird uns heute am Erntedankfest ein Evangelium verlesen, das als Warnung dasteht. Es geht um die Habgier. Denn die Habgier ist genau das Gegenteil jener Haltung die Franz von Assisi hatte. Der Heilige Franz hatte nicht haben wollen, genau deshalb fühlte er sich beschenkt und als Empfangender hatte er. Der Habgierige will haben und fühlt sich deshalb nicht beschenkt, denn er nimmt einfach und raubt es einfach. Was die Erde gibt als Geschenk, behauptet er als seinen Anspruch.
Woher kommt das Anspruchsdenken? Aus der Angst. Wer Angst hat um sich, kann nicht genug kriegen. Er hat immer Angst, zu kurz zu kommen.


6. Wir können in der Tat für das heutige Erntedankfest wieder viel lernen aus der Haltung des heiligen Franz von Assisi, dessen Fest wir heute begehen.

Franz Langstein

Kontakt

Katholisches Pfarramt

St. Johannes Evangelist


Ritterstraße 12
36037 Marburg

Tel. 06421-91390

Fax: 06421-913914

Pfarrbüro - Öffnungszeiten

Montag - Freitag: 8.00 - 12.00 Uhr


Montag, Mittwoch & Donnerstag:

13.30 - 17.30 Uhr

 

Gottesdienste

Samstag 18.00 h Vorabendmesse alle 2. Wochen in St. Jakobus, Wenkbach
Sonntag 11.00 h Heilige Messe
Sonntag 11.00 h Kinderwortgottesdienst im Kirchensälchen, am 2. und 4. Sonntag im Monat


(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen
Donnerstag 9.45 h Heilige Messe im APH St. Elisabeth, Lahnstraße 8
Freitag 18.30 h Heilige Messe