04.03.2015

Predigt bei der Dechantenkonferenz

AUS DEM MATTHÄUS – EVANGELIUM (Mt 25,14-30)


Dann wird es mit dem Himmelreich sein wie mit einem Mann, der auf Reisen ging: Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann reiste er ab. Sofort begann der Diener, der fünf Talente erhalten hatte, mit ihnen zu wirtschaften, und er gewann noch fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei erhalten hatte, noch zwei dazu. Der aber, der das eine Talent erhalten hatte, ging und grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit kehrte der Herr zurück, um von den Dienern Rechenschaft zu verlangen. Da kam der, der die fünf Talente erhalten hatte, brachte fünf weitere und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; sieh her, ich habe noch fünf dazugewonnen. Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn! Dann kam der Diener, der zwei Talente erhalten hatte, und sagte: Herr, du hast mir zwei Talente gegeben; sieh her, ich habe noch zwei dazugewonnen. Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn! Zuletzt kam auch der Diener, der das eine Talent erhalten hatte, und sagte: Herr, ich wusste, dass du ein strenger Mann bist; du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Hier hast du es wieder. Sein Herr antwortete ihm: Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du hast doch gewusst, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe. Hättest du mein Geld wenigstens auf die Bank gebracht, dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten. Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat! Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.




Predigt



Sehr geehrter Herr Bischof, lieber Herr Weihbischof, liebe Mitbrüder,

  

1. Es ist eine Ehre für mich, in der heutigen Vesper die Gelegenheit nutzen zu dürfen, vor Ihnen, der gesamten Bistumsleitung, vor Ihnen, Herr Bischof, und vor den hier versammelten Dechanten eine Predigt halten zu dürfen, also z u Ihnen sprechen zu dürfen, denn Predigt ist ja auch Zuspruch.


2. Gegeben ist uns ein Evangelium, das uns allen sehr vertraut ist und über das wir bestimmt schon mehr als einmal gepredigt haben: Das Evangelium von den Talenten. Und wir werden bei unseren Predigten sicherlich auf die Bedeutung der Talente für unser eigenes Leben hingewiesen haben. Wir werden sicherlich gesagt haben, dass die Talente uns gegeben sind, um sie einzubringen für das größere Ganze, zum Aufbau des Reiches Gottes. Wir werden vielleicht sogar den Gedanken vertieft haben, dass Talente zu unserem Leben gehören, uns selbst ausmachen und prägen, so dass wir, wenn wir unsere Talente fördern, auch uns selbst fördern, also auch uns selbst verwirklichen, wirklich Mensch werden und somit der werden, der wir von Gott her sein sollen. Und wo Talente brach liegen, der Mensch selbst verkümmert, so wie es der Schluss des Gleichnisses über den anklingen lässt, der seine Talente nicht verwirklicht hat: Dann „wird er heulen und mit den Zähnen knirschen“. Und wenn wir so predigen und den Wert der Talente für das eigene Leben und das der anderen herausstreichen, dann ist es gut und wir tun recht, es so zu tun.


3. Und doch beschleicht mich manchmal ein ungutes Gefühl dabei, ob das tatsächlich der ursprüngliche Sinn des Gleichnisses ist. Die Rede von Selbstverwirklichung und Menschwerdung des Menschen durch Verwirklichung der ihm eigenen Talente scheint mir eine sehr moderne Rede zu sein. Gleichwohl müssen wir natürlich die Gleichnisse in die heutige Zeit übersetzen, aber mich beschäftigt die Frage nach einem ursprünglicheren Sinn des Gleichnisses. Der Mensch zurzeit Jesu wird so Begriffe wie Selbstverwirklichung und Menschwerdung des Menschen kaum verstanden haben.


4. Deshalb möchte ich mit Ihnen heute nach etwas Ursprünglicherem fragen und darüber nachdenken. Die Bibel ist ja ein Buch der Kirche für die Kirche. Die Bibel hält fest, was der Kirche im Anfang wichtig war und was es wert war, überliefert zu werden. Insofern ist also die Bibel eine Art Glaubensbuch der Alten Kirche. Wenn man das berücksichtigt, könnte man doch das Gleichnis von den Talenten dahingehend deuten und sagen: Mit den Dienern sind nicht einzelne Individuen gemeint, die zur Selbstverwirklichung gemahnt werden, indem sie Talente ausbilden, sondern mit den Dienern ist Kirche gemeint, sind Gemeinden gemeint, die zur Selbstverwirklichung ermahnt werden, in dem die Gemeinden ihre Talente ausbilden. Gemeinden verwirklichen sich da, wo die ihnen von Gott her geschenkte Talente ausgebildet werden. Und was sind die von Gott geschenkten Talente? Das sind die Gaben Gottes selbst, hier vor allen die Sakramente. Das ist ja das große Talent jeder Kirchengemeinde, dass in ihrer Mitte sich Zeichen ausbilden, die Gottes Gegenwart schenken und Gotteserfahrung ermöglichen. Das sind die größten Talente, die eine Kirche hat. Und es sind weitere Zeichen der Nähe Gottes, die wir zusammenfassen mit den Begriffen: Martyria und Caritas: Zeugnis geben und Nächstenliebe. Indem wir Gott verkünden, wird Gott gegenwärtig und klopft an die Herzen der Menschen; indem wir den Nächsten lieben, schwingt in dieser Liebe die göttliche Barmherzigkeit erfahrbar mit. Das sind die Talente, die wir haben. In allem ist Gott selbst der Gegenwärtige: In den Sakramenten, in der Verkündigung, in der Nächstenliebe. Größere Talente kann daher eine Kirche nicht haben. Aber diese Talente sind der Kirche so gegeben, dass sie ihr eigen sind, d.h. dass in der Umsetzung dieser Talente die Kirche sich selbst verwirklicht. Talente gehören zum Wesen und verwirklichen daher das Wesen. Kirche wird wesentlich, wo sie diese Talente ausbildet.


5. Das Gleichnis erzählt uns, dass den Dienern, denken wir uns gleich „Kirchengemeinden“, in verschiedener Intensität Talente zugedacht werden. Der eine Diener erhält fünf, der andere zwei und wieder einer ein Talent. Das ist keine Benachteiligung, sondern der kluge Hausherr verteilt die Talente so, dass niemand überfordert oder unterfordert ist. Und die ersten beiden bestätigen auch ihre Tüchtigkeit, sind nicht über- noch unterfordert, sondern arbeiten mit den Talenten und bringen sie mehrfach zur Geltung. Nur der dritte Diener, da hatte der Hausherr zwar recht, ihm nicht allzu viel anzuvertrauen, dennoch aber war auch das noch zu viel des Guten. Er hat die Talente konserviert. Das ist freilich am einfachsten, alles zu lassen, wie es ist, wird aber hier hart bestraft.


6. Und nun kommen zwei Punkte, die ich mit Ihnen und Euch bedenken möchte: Der eine Punkt: Diejenigen Diener (wir denken freilich sofort wieder an Kirchengemeinden), die gut gewirtschaftet haben, bekommen noch dazu. Modern würden wir sagen: Weil sie gut aufgestellt sind, bekommen sie jede Unterstützung und werden gefördert. Ja, der Hausherr ordnet am Ende sogar an, demjenigen, der bereits die zehn Talente hat, auch noch das Talent dazu zu geben, das der eine verbuddelt hat.


7. Ich will diese Vorgehensweise des Hausherrn mal pastoral deuten und nachfragen, was denn dieses bedeuten könne für unsere pastoral-strukturellen Planungen. Wenn der, der gut arbeitet, noch bekommt und gefördert wird, weil er einfach gut ist und förderungswürdig ist, müssten wir dann nicht auch viel genauer hinschauen, welche Gemeinde gefördert werden muss und welche nicht mehr gefördert werden braucht? Ist es eine gut strukturelle Maßnahme, wenn man sagt: „Jede Gemeinde mit 5000 Seelen bekommt eine Priester“, ohne dass man schaut, wie eine Gemeinde ihre Talente ausgebildet hat? Müsste man nach den Vorgaben des Gleichnisses nicht vielmehr unterscheiden und schauen: Hier gibt es Gemeinde, die hervorragend ihre Talente ausprägen, die müssen wir fördern, damit sie noch besser werden. Hier gibt es Leuchttürme, die dürfen wir nicht erlöschen lassen, sondern die müssen alle erdenkliche Unterstützung bekommen. Da darf nicht fusioniert werden! Wer 5 Talente erwirtschaftet hat, bekommt noch welche hinzu. Macht weiter so, wir helfen euch dabei. Wäre das nicht eine biblisch begründete Strukturplanung? Ich glaube, wir tun unserem Bistum nichts Gutes, wenn man alle über den gleichen Kamm schert nach dem Motto: Gemeinden mit 5000 Katholiken werden alle ausnahmslos gleich behandelt. Das mag gerecht klingen, ist aber nur schwer mit dem Gleichnis zu vereinbaren und vor allem: Es wird den Gemeinden vor Ort nicht gerecht.


8. Und ein zweites, was mich nachdenklich machte: Der Hausherr vertraut seinen Dienern Talente an und ---- verschwindet. Er verreist. Gut, heute wäre ein Verreisen kein Grund mehr, keinen Einfluss mehr nehmen zu können: Handy und Internet machen möglich, dass der Hausherr auch aus der Ferne hätte Einfluss auf die Diener nehmen können, aber damals war mit dem Zusatz „verreisen“ gemeint, dass der Hausherr loslässt und loslassen kann, Verantwortung abgeben kann, weil er Vertrauen zu seinen Dienern hat. Die machen das schon! Und beflügelt durch dieses Vertrauen machen sie es wirklich – bis auf den einen, der das Vertrauen des Hausherrn missverstand und der Meinung war, der Hausherr sei streng. Deshalb wählte er den einfachen aber fatalen Weg, das Talent zu konservieren. Aber mir geht es um das Vertrauen, das der Hausherr hier den Seinen gegenüber hat. Vertrauen beflügelt, Misstrauen lähmt. Das wissen wir. Der Spruch „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ hat einen ganzen Staat in die Lähmung und in den Niedergang geführt. Ich glaube, auch hier sollte man darüber nachdenken, ob man den Gemeinden nicht vielmehr Vertrauen entgegenbringen könnte. Macht mal. Hier habt ihr die Talente. Bringt sie ein. Wir überlassen euch dem Heiligen Geist, der ja in euch wohnt. Also es ist zu wenig, wenn man Gläubigen sagt, dass sie Verantwortung wahr nehmen sollen, aber ihnen dann doch misstraut oder ihnen vorschreibt, was sie zu tun oder zu lassen haben. Verantwortung übertragen, Vertrauen entgegenbringen, das beflügelt. So wie im Gleichnis. Natürlich gibt es einige, die mit Vertrauen nicht viel anfangen können, die ängstlich sind, die lieber klare Ansagen haben möchten, und die dann vor lauter Angst das Talent verbuddeln…, wir kennen den tragischen Ausgang solcher Haltung.


9. Also: Die fördern, die gut sind. Vertrauen entgegenbringen denen, die Vertrauen verdienen. Und warum: Damit Kirchengemeinden vor Ort Licht Christi sind, Leuchttürme, damit das, was Gott ihnen an Talenten geschenkt hat, für alle zur Geltung kommt und so Gott in unserer Gesellschaft weiterhin gegenwärtig bleibt durch die Talente, die er den Gemeinden gegeben hat.

Franz Langstein

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(nicht während der hessischen Schulferien)
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