01.02.2015

Predigt am 4. Sonntag im Jahreskreis B 15



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Man hat einmal gesagt, das Markus-Evangelium, aus dem wir eben gerade einen Abschnitt hörten, sei im Grunde eine einzige Passionsgeschichte. Ob das nun so stimmt, mag dahingestellt sein. Aber gerade im Markus-Evangelium zeigt es sich, dass von Anfang an sich die Gegner Jesu formieren, und dass von Anfang an die Gegner Jesu benannt werden, die dann schließlich die Auslieferung und das Todesurteil vorantreiben werden. Auch im heutigen Evangelium, das noch von der Anfangszeit des öffentlichen Auftretens Jesu berichtet, tauchen schon die Gegner Jesu auf: „Und die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.“ Da werden sie also schon benannt und in den Gegensatz zu Jesus gestellt: Die Schriftgelehrten. Jesus lehrt anders als; Jesus lehrt wie einer, der Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten. Man ahnt schon den tödlichen Konflikt, der hier heraufbeschworen wird. Wenn nämlich Jesus mit göttlicher Vollmacht lehrt, die Schriftgelehrten jedoch nicht mit göttlicher Vollmacht lehren, dann ist Jesus eine Bedrohung für sie. Denn die Schriftgelehrten wären dann überflüssig, wenn sie nicht mit göttlicher Vollmacht lehren. Und im weiteren Verlauf des Evangeliums spitzt sich die Lage zu. Jesus warnt vor den Schriftgelehrten. „Nehmt euch in Acht vor den Schriftgelehrten…“ Wir kennen keinen einzigen Satz Jesu, in dem er vor Leuten warnt. Was nahe liegend wäre, wie etwa: „Nehmt euch in Acht vor den Zöllner, die euch ausbeuten. Nehmt euch in Acht vor den römischen Soldaten, die willkürlich an euch handeln. Nehmt euch in Acht vor den Dirnen, nehmt euch in Acht vor den Aussätzigen…“ Nichts dergleichen. Aber „nehmt euch in Acht vor den Schriftgelehrten“. Das macht nachdenklich. Nachdenklich auch für mich, denn schließlich muss ich beruflich auch ein Schriftgelehrter sein – und es ist gut, dass es wirklich Gelehrte der Heiligen Schrift gibt, bei denen man viel lernen kann und auch ich viel gelernt habe und immer noch lerne. Es geht wohl deshalb bei den Schriftgelehrten nicht um einen Berufsstand, der hier diskreditiert werden soll, sondern um eine innere Haltung, um einen Typ des Religiösen und des Religionsverständnisses, der offensichtlich im Gegensatz zu dem steht, was Jesus will. Deshalb will ich das mal versuchen, etwas näher ins Auge zu fassen, weil diese Seite des „Schriftgelehrten“ als Anteile des Religiösen in jedem religiösen Menschen vorkommen kann.


2. Worum geht es? Man kann das eigentlich ganz kurz in die Worte fassen, wenn man das Gegensatzpaar „Jesus“ und „Schriftgelehrter“ benennen möchte: Religion wird zur Religionskunde, Frömmigkeit zur Gotteslehre, Glauben zur Glaubenskunde und Gottesbeziehung zu Bescheid wissen über Gott und Lebendigkeit im Angesicht Gottes zum Gehorsam gegenüber dem Buchstaben. Oder kurz gefasst: Die Beziehung zu Gott mit all ihren Höhen und Tiefen, mit Geglücktem und Schuld, mit all ihrer Subjektivität wird objektiviert in dem Sinn, dass man sich ständig der eigenen Gutheit vergewissern muss: Ich lebe ja schon so, wie es die Buchstaben von mir verlangt. Aus einem persönlichen Mit-Gott-Sein wird ein objektiv messbares Rechthaben und Richtigsein wollen.


3. Der „Schriftgelehrte“ in einem jedem von uns hält es nur schwer aus, so vor Gott sein zu dürfen, wie er ist und es allein Gott zu überlassen, wie ich es sein darf. Der „Schriftgelehrte“ im Gläubigen will ständig objektive Maßstäbe haben, an denen er sich selbst messen kann. Deshalb heißt es, dass Jesus lehrt wie einer, der göttliche Vollmacht hat. Das heißt: In den Worten Jesu kommt Gott selbst zur Sprache. Bei den Schriftgelehrten kommt aber die Auslegung der Schrift zur Sprache. Hier geht es um „richtig“ oder „falsch“, bei Christus geht es um die Liebe. Die Frage also, ob ich ein guter oder schlechter Christ bin, entscheidet Gott, und wird nicht entschieden von Pluspunkten, die ich mir gesammelt habe aufgrund eines Leistungskatalogs genannt Kirchenrecht. Es geht um das Leben, nicht um den Buchstaben. Wenn jemand einen Liebesbrief erhalten hat, dann geht es um die in den Worten sich ausdrückende und den Menschen berührende Liebe, nicht um die Rechtschreibung, an der ich dann prüfen kann, ob ich jemand bin, der die deutsche Sprache besser beherrscht. Oder um die Haltung Jesu nochmals zu verdeutlichen: Auf den Straßen Galiläas und durch das Leben der Mühseligen und Beladenen kann man mehr über Gott erfahren als in den Rechtsbüchern der Religionen.


4. Das mag jetzt alles etwas sehr Plakativ formuliert sein, aber nur so – denke ich – lässt sich veranschaulichen, worum es geht, wenn von Anfang an der „Schriftgelehrte“ als Gegner Jesu aufscheint. In unser aller Leben will Gott sich ausdrücken und kommt Gott zur Sprache; der „Schriftgelehrte“ hingegen verobjektiviert Gott in den Buchstaben hinein und hält so sein Leben von Gott fern. Um mal ein Beispiel zu nennen: Während meines Studiums hatten wir einen älteren Studenten, der – wenn es mal kritisch wurde – immer die Dozenten fragte: „Und was sagt Rom dazu?“ Er war da sehr penetrant, ja fast ängstlich. So dachte ich: „Was fragst du nach Rom? Entscheide das doch selbst! Wage das Wagnis der Mündigkeit vor Gott, des Lebens vor Gott und delegiere dein Leben nicht an fremde Instanzen.“ Wir sehen, dass die Haltung Jesu und die Haltung des „Schriftgelehrten“ in der Tat einen tödlichen Konflikt heraufbeschwören.

Franz Langstein

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