31.08.2014

Predigt am 22. Sonntag im Jahreskreis A14

Mt 16,21-27


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Firmvorbereitung beginnt für Euch heute eine Pilgerwanderung von Marburg nach Fulda. Wir werden sechs Tage zu Fuß unterwegs sein. Dieser Pilgerweg ist gleichzeitig auch das Hauptelement der Vorbereitung auf die Firmung. Wir machen uns auf, verlassen vertraute Wege, verlassen das Zuhause, um uns mit Fragen nach Gott und damit den Fragen nach dem Leben zu beschäftigen. Man muss dazu manchmal Vertrautes verlassen, um offen zu werden für Neues, Unerwartetes, Gott. Manchmal findet man abseits der vertrauten Wege Antworten auf große Fragen, ereignet sich Wesentliches, auf Umwegen lernt der Mensch die Gegend besser kennen als auf den kürzeren Wegen, wandernd wandeln wir uns. Nicht umsonst wanderte Israel 40 Jahre durch die Wüste, wanderte Jesus mit seinen Jüngern umher. Nirgend hat der Mensch eine letzte Heimat, er ist auf der Suche, und nur im Fortschreiten erzielt er Fortschritte. Auch religiöse, auch geistliche Fortschritte. Tiefere Einsichten. Wir wandern also. Heute geht’s los.


2. Und das Evangelium, liebe Jugendliche, das uns die Kirche für den heutigen Sonntag vorlegt, passt so gut dazu, dass man meinen könnte, es wäre absichtlich für den heutigen Tag ausgesucht worden. Denn das Evangelium spielt zu einer Zeit, als Jesus mit seinen Jüngern selbst am Wandern war. Er hat mit seinen Jüngern die vertraute Heimat am See Genezareth verlassen und sie abseits in den Norden Israels geführt. Von da aus werden sie sich dann auf den Weg nach Jerusalem machen, den jüdischen Wallfahrtsort schlechthin. Jesus wandert also mit seinen Jüngern. Er führt sie aus Vertrauten weg, um ihnen etwas ganz und gar Unvertrautes zu erklären. Er geht mit ihnen in die Fremde, um ihnen Befremdliches nahe zu bringen. So ist es: Oft müssen Botschaft, Landschaft und Situation zusammenpassen, damit die Botschaft uns erreicht. So nimmt Jesus also seine Jünger mit in die Fremde, wandernd, pilgernd.


3. Und dann eröffnet er ihnen das Befremdliche: „In jenen Tagen begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären, er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten vieles erleiden; er werde getötet werden.“ Das ist seine Sendung. Er wird nicht der Messias, wie gerade eben noch Petrus bekannt hat, der eine irdische, politische Herrschaft aufrichtet. Er wird der Messias werden, der bis in die letzten Winkel menschlicher Existenz, also auch dort, wo Gewalt, Hass, Mord und Tod herrschen, die Liebe Gottes bringen wird. Das wird seine Sendung sein. Das ist völlig fremd, ganz und gar unvertraut für die Jünger. Aber Jesus hofft, dass sie im Wandern fähig werden zu neuen Einsichten.


4. Und der arme Petrus. Er lässt diese neuen Einsichten erst gar nicht an sich heran. Statt über das Gesagte erst mal nachzudenken, es an sich heranzulassen, fährt er sofort dazwischen: „Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen!“ Aber mal ganz ehrlich: Eigentlich ist doch dieser Einwand sehr sympathisch. Zeigt er doch, wie sehr Petrus an Jesus hängt. Jeder würde doch so reagieren. „Ich will nicht, dass du stirbst. Du bedeutest mir zu viel“. Ein Ausdruck tiefer Zusammengehörigkeit, Freundschaft, Liebe. Und wie reagiert Jesus? Jesus sagt nicht etwa: „Ich danke dir Petrus, dass du zu mir hältst, dass du nicht willst, dass ich so sterben muss. Danke für die Worte der Solidarität, der Freundschaft.“ Ich meine, das könne man doch erwarten, oder? Stattdessen braust Jesus auf: „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen!“ Die anderen Jünger werden wohl gedacht haben: He, was ist denn jetzt los? Nun, Jesus, komm mal wieder auf den Boden. Petrus hat doch nichts Falsches gesagt. Krieg Dich mal wieder ein!


5. In der Tat müssen wir fragen: Was ist denn hier los? Und plötzlich – an dieser Stelle zeigt es sich, dass nicht nur die Jünger auf der Wanderung in der Fremde etwas Fremdes lernen müssen, sondern wohl auch Jesus pilgert, um sich mit dem Befremdlichen des Kreuzes immer neu anzufreunden. Scheinbar wie zu sich selbst, sagt er: „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren.“ Was also passiert hier mit Jesus? Diesen Satz – „Weg mit dir, Satan“, hat Jesus schon mal haargenau so gesagt. An anderer Stelle. Am Ende der Versuchung in der Wüste. Ihr wisst, dass Jesus dort gerungen hat um Lebensentscheidungen, gerungen hat um den richtigen Weg für sein Leben. In der Wüste – übrigens auch so befremdlicher Ort, der Klärung verlangt – trat der Versucher an ihn heran: Jesus solle doch aus Steinen Brot machen – Macht über die Dinge ausüben; Jesus könne doch vom Tempel springen – Applaus und Anerkennung erhaschen; alle Reichtümer der Welt in Besitz nehmen – Streben nach Besitz und Reichtum zur Maxime des Lebens erheben: Macht, Anerkennung und Reichtum. Das zur Hauptsache des Lebens erklären und danach handeln. Das wäre doch schön: Reich zu sein, von allen anerkannt und Macht zu haben über die Massen. Das war die Versuchung Jesu. „Wie will ich leben?“ Jesus aber entscheidet sich anders. Sein Lebensweg lässt sich nicht von diesen Dingen beirren; er geht den Weg der Liebe, der Nächstenliebe, der Gottesliebe; und wenn es sein muss, bis zum Äußersten. Das war bestimmt nicht einfach für Jesus. Immer neu muss er sich dafür entscheiden. Bis einen Tag vor seinem Tod wird er Gott bitten: „Lass diesen Kelch an mir vorüber gehen“.


6. Und nachdem Jesus also seinen Jüngern erklärt hat, dass er hingerichtet werden wird, kommt nun der Petrus an, ahnt nicht, was er da lostritt, und sagt: „Das soll nicht mit dir geschehen“. Und Jesus erkennt sofort die alte Versuchung wieder. Welchen Weg soll ich gehen? Wäre der andere Weg doch nicht viel einfacher, schöner, erstrebenswerter? Da ist sie wieder – die alte Versuchung, der alte Versucher. „Weg mit dir, Satan. Geh mir aus den Augen“.


7. Es geht also bei der Wanderung der Jünger durch den Norden Israels nicht nur für die Jünger um Neues, um Wesentliches, sondern wohl auch für Jesus. Es geht beim Wandern um die Frage: Wie will ich durchs Leben wandern? Was sind meine Schwerpunkte, Vorbilder, Leitbilder? Jesus sagt es deutlich: „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt?“ Karl Rahner hat das einmal auf seine unübertreffliche Art so formuliert: „Man hat heute manchmal den Eindruck, dass Menschen sehr oft unglücklich werden, weil sie um jeden Preis glücklich werden wollen.“ Also, indem man glücklich werden will, wird man unglücklich.


8. Letztlich geht es um die Frage, auf welchen Lebenswegen will ich wandern? Faszinieren mich Macht, Reichtum und Anerkennung so, dass ich diesen Dingen mein Leben opfere und schließlich mein Leben darin verliere? Oder aber weiß ich, dass es in mir eine ganz andere Seite meines Lebens gibt. Ich will diese Seite mal so formulieren: Jeder von Euch hat in sich eine ganz liebenswürdige Seite, ein ganz sympathische Seite. Jeder hat die Fähigkeit zu lieben, Mitleid zu empfinden, helfen zu wollen, das Gute hervorzubringen. Es gibt in euch eine Seite, die ist ganz und gar nicht egoistisch, nur auf sich bedacht, sondern die ist den anderen Menschen in Güte zugewandt. Man kann auch sagen: Es ist die göttliche Seite in euch, denn Gott ist die Liebe. Und wenn diese Seite in uns zur Entfaltung kommt, dann werde ich mein Leben gewinnen, mit anderen Worten, Glück empfinden. Die anderen Sachen, wie Anerkennung, Macht und Reichtum, können ein Leben vielleicht angenehm machen, aber wirklich glücklich ist etwas ganz anderes. Deshalb werden wir also auch wandern, ab heute. Und vielleicht geht es uns wie Jesus und den Jüngern, dass uns Neues, manchmal Fremdes und Unvertrautes, aber Wichtiges und Wesentliches aufgeht. Ich freue mich drauf.

Franz Langstein

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