30.03.2014

Predigt am 4. Fastensonntag A14

Joh 9,1-41


Liebe Schwestern und Brüder!

1. „Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.“ Dieser Schlusssatz eines recht langen Textes ist der Schlüssel für das rechte Verständnis des heutigen Evangeliums. Die Geschichte einer Blindenheilung und die Reaktionen darauf bilden heute den Kern des Evangeliums. Es geht dabei um mehr als nur um eine medizinische Heilung. Solche Erzählungen sind immer zeichenhaft zu verstehen. Es geht um eine neue Sicht der Dinge, um ein neues Sehen, um Heilung im umfassenden Sinn. Und infolge dessen geht es um Erschütterung alter Sichtweisen durch ein neues Sehen.


2. Immer wieder wurde ja die Menschheit durch ein „neues Sehen der Dinge“ erschüttert. Nehmen wir als Beispiel die Entdeckung, dass nicht die Erde im Mittelpunkt des Kosmos steht. Nehmen wir die Entdeckung evolutiver Prozesse in der Schöpfung, so dass man sagt: Der Mensch stamme selbst nur vom Affen ab. Und was wäre, wenn spätere Generationen noch größere Entdeckungen machen, die alte Weltbilder und Sicherheiten erschüttern? Auch unseren Glauben erschüttern?


3. Es geht also um eine grundsätzliche Offenheit, dass der Mensch, ja die ganze Menschheit, in ihren Erkenntnissen nicht am Ende ist, sondern voranschreitet. Der Mensch weiß jetzt noch nicht alles, erkennt nicht alles; kurz er ist – um in der Sprache des Evangeliums zu bleiben – immer a u c h blind. Die Kosmologen sagen uns, dass wir zurzeit nur fünf Prozent der Materie im Weltraum erkennen. Ein gewaltiger blinder Fleck. „Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde“. Man kann es uns Menschen eben nicht vorwerfen, dass wir blind sind und vieles von uns gar nicht erkannt oder verstanden wird. Der Vorwurf gilt nur denen, die da behaupten, sie sehen schon alles, wüssten alles, haben die Welt in Gänze verstanden. „Ihr aber sagt: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.“


4. Nehmen wir mal als Beispiel so manchen atheistisch-fundamentalistischen Evolutionstheoretiker. Es wird gesagt: Alles entwickelt sich evolutiv weiter. Leben, Kultur, Erkenntnis. Aber merkwürdigerweise entwickelt sich ein Punkt nicht weiter: Die Gotteserkenntnis. Hier wird behauptet: Wir haben den Punkt erreicht, an dem wir definitiv sagen können: Es gibt keinen Gott. Der Glaube an Gott ist nur ein Gotteswahn. - Ist das nicht merkwürdig? Alles entwickelt sich evolutiv, nur die Sache mit Gott ist ausgerechnet jetzt im 20./21. Jahrhundert abgeschlossen. „Ihr aber sagt: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.“


5. Nein, es geht um die grundsätzliche Anerkenntnis unserer Blindheit, auch unserer Blindheit Gott gegenüber. Das ist oft schmerzhaft. Gern würden wir Gott besser „sehen“, erfahren, spüren. Ich bin überzeugt, dass es in 500 oder in 1000 Jahren eine Menschheit geben wird, die ganz anders über Gott denkt als wir heute und die ganz andere Zugangswege zu Gott hat als wir heute und für die Gott sich als Geheimnis anders und neuer offenbart. Es gibt auch ein Voranschreiten der Erkenntnis Gottes.


6. Genau das möchte Jesus ja auch sagen: „Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.“ Bleibt offen für Gott; bleibt offen für Neues. Warum ist das so: Weil wir an einen sich offenbarenden Gott glauben. Und das Mittelalter sprach von der „Gratia illuminans“, der einleuchtenden Gnade. Gott selbst leuchtet ein und schenkt Erleuchtung. Der Mensch muss sich jedoch darauf einlassen. „Geh, und wasch dich im Teich Schiloach“, sagt Jesus zu dem Blinden, nachdem er ihm einen Teig aus Speichel und Erde auf die Augen gelegt hatte. „Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.“ Darum geht es: Einerseits um die oft schmerzvolle Erfahrung und das Eingeständnis der Blindheit Gott gegenüber, andererseits aber um die hoffnungsvolle Öffnung einem Gott gegenüber, der sich selbst in uns zum Leuchten bringen will. Erinnern wir uns an die zweite Lesung. „Einst ward ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr durch den Herrn Licht geworden“.

Franz Langstein

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