28.12.2014

Predigt am Fest der Heiligen Familie B15

 


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Es gibt in den Evangelien, bei Matthäus und vor allem bei Lukas, die sogenannten Kindheitserzählungen. Es sind Geschichten, die etwas aus der Kindheit Jesu erzählen. Wir kennen sie in der Regel. Heute das Evangelium von der Beschneidung im Tempel, die Flucht nach Ägypten, die Geschichte von der Wallfahrt nach Jerusalem, bei der Jesus sich aus der Wallfahrtsgruppe entfernt und dann mit Gelehrten am Jerusalemer Tempel diskutierte. Wir spüren schon, dass all diese Geschichten allein den Sinn haben zu zeigen, dass in Jesus etwas Besonderes gegenwärtig ist; ja, dass er schon von früher Kindheit sich als der erweist, mit dem sich Gott so verbunden hat, dass er der Sohn Gottes ist. Auch das heutige Evangelium zielt darauf ab. Und wenn das so ist, dass das ewige Wort des Vaters so Fleisch geworden ist, dass es von Anfang an des Daseins Jesu mit Jesus verbunden war, also das von Anfang an dieses Kind in der Krippe schon der Gottessohn ist, dann erstaunt es doch, warum wir gerade aus den Anfangsjahren Jesu so gut wie nichts wissen über Jesus. Wie hat er gelebt? Was er gewirkt? Wie war er als Sohn Gottes unter den Menschen? Ich meine, wenn Jesus so um die 30 Jahre alt geworden sein mag, warum haben wir dann nur Kenntnis über 1-3 Jahren aus dem Leben Jesu? Ich meine, es wäre ja normal, wenn ein Mensch, der lange bedeutungslos ist, erst später als Erwachsener Bedeutung gewinnt durch seine öffentlichen Taten, dass dann dieses Auftreten von Interesse ist, dokumentiert wird, festgehalten wird, überliefert wird. Aber bei Jesus? Wenn er doch von Anfang an der Sohn Gottes ist, warum wissen wir so wenig aus seiner Kindheit und Jugend? Er hatte dann doch von Anfang Bedeutung. Sollten wir diesen Sachverhalt nicht auch mal ruhig theologisch deuten?


2. Ist der ganze religiöse Betrieb, ist auch das ganze religiöse Tun des Menschen nicht immer der Gefahr ausgesetzt, religiöse Hektik zu verbreiten? Schlagworte wie „Gotteserfahrung suchen“, „sich auf die Gottsuche machen“, „Anbetungsstunden und Gottesdienste“, Events wie „Night fever“ oder andere religiöse Veranstaltungen, „sich Gottes gewiss werden wollen“, all diese Schlagworte spiegeln eines wider, dass der Mensch davon ausgeht, er habe Gott noch nicht richtig, er müsse ihn deshalb immer neu suchen, neu erfahren, neu finden, neu entdecken. Daraus nähren sich große Teile der religiösen Betriebsamkeit. Könnten hier nicht die fehlenden Kindheits- und Jugenderzählungen in den Evangelien ein Hinweis auf Folgendes sein? „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“. „Unter uns gewohnt“, heißt es. Nicht unter uns „gewirkt“. Mit anderen Worten: Das ewige Wort des Vaters ist einfach da. Es muss sich nicht erst spektakulär beweisen. Vielmehr ist etwas viel Wesentlicheres geschehen als ein ständiges sich Erweisen müssen Gottes. Was meine ich damit?


3. Ich meine damit, dass es auf etwas ganz Wesentliches ankommt. „Das Wort hat unter uns gewohnt“, heißt doch, dass Gottes Wesen sich mit dem Menschen verbunden hat und zwar so, dass unsere menschliche Natur seiner göttlichen Herrlichkeit teilhaftig geworden ist. Wir sind untrennbar mit Gott verbunden; ja wir leben in Kommunion mit Gott; er lebt mit uns, in uns, bei uns. Durch die Menschwerdung ist er gegenwärtig, „wohnt er unter uns“. Und zwar zunächst einmal ganz unabhängig davon, ob ich das weiß oder nicht, ob ich das glaube oder nicht.


4. Und könnten wir nicht genau das aus den fehlenden Kindheits- und Jugendberichte vom Leben Jesu theologisch daraus lernen: So wichtig die späteren Jahre des öffentlichen Auftretens Jesu waren, um ihn überhaupt als den Messias zu erkennen und um überhaupt aus dem Leben und der Lehre Jesu eine Offenbarung Gottes zu erkennen, so wichtig ist auch das Schweigen der Bibel über Jesus, weil etwas ganz Wesentliches sich eben in Stille zugetragen hat: Die Vermählung Gottes mit uns Menschen.


5. Und seitdem gilt das auch für unser Leben. So wichtig besondere Gnadenaugenblicke der Begegnung mit Christus sind, so gut sie auch für uns sind und uns weiterhelfen im Glauben, so selten sind sie, weil es eben darauf ankommt, schlicht und einfach aus dem Bewusstsein der Gegenwart Gottes zu leben, vertrauend, hingebend, dankbar. Er ist da, so still und unscheinbar wie in Nazareth als Jugendlicher. Er hat da einfach gewohnt, ganz unspektakulär. Genauso einfach wohnt er in unsren Herzen, ebenso unspektakulär. Das Schweigen der Schriften über Jesu Kindheit und Jugend entspricht dann – theologisch gedeutet – dem Schweigen Gottes in unserem Leben. Er muss nichts sagen, denn es ist alles gesagt. „Ich bin mit dir verbunden“. Teresa von Avila hat einmal sinngemäß gesagt: Nicht Gotteserfahrung, sondern Gottesbewusstsein ist wichtig.

Franz Langstein

  •  
  •  
  •  
 

Kontakt

Katholisches Pfarramt

St. Johannes Evangelist


Ritterstraße 12
35037 Marburg

Tel. 06421-91390

Fax: 06421-913914

Pfarrbüro - Öffnungszeiten

Montag - Freitag: 8.00 - 12.00 Uhr


Montag, Mittwoch & Donnerstag:

13.30 - 17.30 Uhr



 

Gottesdienste

Samstag 17.30 h Vorabendmesse alle 2. Wochen in St. Jakobus, Wenkbach
Sonntag 11.00 h Heilige Messe
Sonntag 11.00 h Kinderwortgottesdienst im Kirchensälchen, am 2. und 4. Sonntag im Monat (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).


(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
Donnerstag 9.45 h Heilige Messe im APH St. Elisabeth, Lahnstraße 8 (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
Freitag 18.30 h Heilige Messe