25.12.2014

Predigt an Weihnachten – Am Tag 2014

 


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Keines der kirchlichen Hochfeste ist so emotional besetzt wie das Weihnachtsfest. Das ganze Äußere trägt dazu bei: Ein Kind in der Krippe, Engel, Hirten, von mir aus auch Ochs‘ und Esel, die winterliche Stimmung bei Kerzenschein, die Familie, Erinnerungen usw. Wir wissen das! Natürlich kann der Mensch gerade und auch über den emotionalen Weg sich einen Zugang zu Weihnachten schaffen und durch die besondere Gefühlssituation eine Ahnung davon bekommen, dass die emotionale Ausnahmesituation eine tiefere Ursache hat, die tief in das Religiöse und damit in die menschliche Existenz hinabreicht. Wo freilich das Erspüren der eigentlichen Ursache von Weihnachten gänzlich verloren geht, da ist die Gefahr groß, dass das emotionale Fest in gefühlsduselige Idylle abgleitet oder gar zum Kitsch verkommt. Ich denke, gerade junge Menschen haben ein Gefühl dafür, ob das, was da gefeiert wird, echt ist, d.h. sich aus einem tieferen Grund her speist. Von daher ist es immer wieder gut, dass wir uns dieses tieferen Grundes bewusst werden, kurz, dass wir nicht nur einen emotionalen Zugang zum Fest haben, sondern auch einen rationalen. Der Mensch ist nun mal Geist und Gemüt, Verstand und Herz. Mir scheint’s, dass Geist und Verstand da ein wenig zu kurz kommen. Wir müssen ganzheitlich, mit Herz und Verstand, das Weihnachtsfest zu erfassen suchen. Weihnachten ist nämlich nicht nur Gabe, sondern auch Aufgabe und Herausforderung.


2. Und wir stehen damit auf festem biblischen Grund. Denn auch hier gibt es beides: Emotion und Rationalität. Lukas hat uns gestern in der Christnacht die emotionale Seite von Weihnachten geliefert: Die Erzählung von der Geburt eines Kindes, von Engeln und Hirten, vom Glanz der Weihnacht. Das spricht unser Gemüt an. Johannes, der heute mit seinem Evangelium an der Reihe ist, kennt kein Kind in der Krippe, keine Engel und Hirten – nichts von all dem: Er schreibt nur einen Satz zum Weihnachtsgeheimnis: „Und das Wort ist Fleisch geworden“. Das ist nichts mehr fürs Gemüt, da ist unser Verstand herausgefordert.


3. Man könnte es vielleicht vergleichen mit einem Ozean, der still und ruhig da liegt, weil gerade kein Wind weht. Plötzlich erhebt sich auf der Oberfläche des Ozeans eine riesige Welle. Jeder weiß, dass sich hier in der Tiefe des Ozeans etwas ereignet haben muss, ein Seebeben, ein Vulkanausbruch oder was auch immer. Wir sehen nur den äußeren Wellenschlag, aber die Ursache liegt in der Tiefe. So möchte ich heute mit Ihnen auf den Grund des Ozeans gehen. Wir sehen den äußeren Wellenschlag: Wir sehen ein Kind in der Krippe, wir sehen Hirten und Engel und einen Weihnachtsstern. Aber was ist da eigentlich in der Tiefe geschehen? Was sehen wir wirklich? Und da liefert Johannes im heutigen Evangelium die Antwort: „Und das Wort ist Fleisch geworden“. Dieses Kind in der Krippe ist das Fleisch gewordene Wort des ewigen Gottes. Das ist die Herausforderung unseres Geistes.


4. Das griechische Wort „Logos“ wird hier etwas einengend mit „Wort“ übersetzt. Eigentlich meint Logos die Fülle der Ausdrucksformen, mit denen ich mich selbst, mein Innerstes, zum Ausdruck bringen kann, nach außen bringen kann, erfahrbar machen kann. Nehmen wir als Beispiel die Liebe: Ein Mann liebt eine Frau. Tief innen empfindet er etwas, das er vielleicht vorher noch nie gefühlt hat. Er weiß: Das muss Liebe sein. Aber es ist so sehr in seinem Inneren verborgen, dass er sich fragt: Wie bringe ich mein Gefühl so nach außen, dass der geliebte Mensch meine Liebe erfährt, aber auch so, dass er nicht gleich überrumpelt wird? Und da haben wir Menschen eine ganze Klaviatur von Ausdrucksformen: von den Blicken bis zum Lächeln, ein Brief, ein Geschenk, Blumen oder auch einfach das Liebesgeständnis mit Worten. Das meint „Logos“. Etwas zutiefst Inwendiges, mein innerstes Selbst, drückt sich nach außen so aus, dass es erfahrbar wird. Etwas Verborgenes wird zu einer erfahrbaren Wirklichkeit. Wenn es nun von diesem Kind in der Krippe heißt: „Und das Wort ist Fleisch geworden“, dann ist dieses Kind in der Krippe der Selbstausdruck des innersten Wesens Gottes. Es ist die Offenbarung des Wesens Gottes, die Sichtbarwerdung eines göttlichen Mysteriums, das Herausfließen der Liebe Gottes. Dieses Herausfließen gehört immer zum Wesen Gottes: Deshalb ist Schöpfung, deshalb gibt es immer wieder Gottesoffenbarung, in allen Religionen, in allen Zeiten, besonders aber durch das erwählte Volk, die Juden: die alttestamentlichen Gottesoffenbarungen, die Propheten, die Schriften, immer wieder zeigt sich Gott. Und nun, so sagt Paulus, „in der Fülle der Zeiten“ spricht Gott sich in diesem Kind aus, unüberbietbar. Sein Kindsein, sein Leben, seine Botschaft, seine Liebe, sein Sterben und seine Auferstehung sind eine einzige Gottesoffenbarung.


5. Vor längerer Zeit fiel mir ein Werbeslogan einer Schmuckfirma in die Hand. Darauf war ein Ring zu sehen, weit im fünfstelligen Eurobereich und darunter stand der Satz: „Weil man die Unendlichkeit nicht beschreiben kann, haben wir sie greifbar gemacht.“ Das klingt wie von uns Christen abgekupfert. Der unendliche Gott hat sich in diesem Kind, in diesem Menschen, greifbar, erfahrbar gemacht. Und in dem Gott so berührbar wird, geschieht Vermählung. Denn jede Vermählung lebt von der Hingabe und Liebe. Die weihnachtlichen Texte vom heiligen Tausch sprechen davon.


6. Das also geschieht in der Tiefe des Ozeans; da liegt eben nicht einfach ein Kind in der Krippe; es ist die Selbstoffenbarung des verborgenen Wesens und der verborgenen Liebe Gottes. Das Geschenk Gottes an uns, sich selbst. Und somit ein ganz neues Denken von Gott.

Franz Langstein

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(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
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