24.12.2014

Predigt in der Heiligen Nacht 2014

 


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Jedes Jahr ist es so, dass wir die Heilige Nacht exakt eine Woche vor dem letzten Tag des Jahres feiern. Das ist freilich Zufall, dennoch aber kann es gut tun, hier einmal einen Zusammenhang herzustellen. Wenn wir also in einer Woche Silvester begehen und damit das Jahr 2014 beschließen, dann hören wir von Jahresrückblicken, von Bilanzen, von dem, was das vergangene Jahr an Gutem und Schlimmen gebracht hat. Wir halten Rückschau, persönlich, gesellschaftlich, politisch, global. Es wird die Rede sein von so manchen Gutem und Gelungenem, aber auch von Dunklem, Bösen: Von Terroranschlägen, von Flüchtlingselend, von Kriegen in Syrien und Irak, von der unsäglichen Brutalität der IS-Kämpfer, von einem abgeschossenem Flugzeug über der Ukraine, dem Bürgerkriegen usw. Davon wird die Rede sein. Und wenn davon die Rede sein wird, ist es erst gerade einmal eine Woche her, dass viele Menschen in einer dunklen Kirche zusammengekommen waren und dem Weihnachtsevangelium lauschten: dass da ein Kind, ja ein göttliches Kind geboren wurde, mitten in der Nacht, so dass wir diese Nacht bis heute als „heilige Nacht“ bezeichnen. Und wenn wir nächste Woche in den Rückblicken von all dem Dunklen hören, dem Abgründigen, der Nacht als Erfahrung von Leid und Tod, dann könnte uns doch in Erinnerung an das, was wir heute begehen, sofort einfallen: Inmitten der Nächte, die uns die Jahresrückblicke aufzeigen, inmitten unsere Welt, da liegt ein Kind in der Krippe.


2. Und somit wird diese Geschichte vom göttlichen Kind, den Eltern Maria und Josef, den Hirten, Engeln, von mir aus auch Ochs und Esel zu einem Mysterienspiel, das unsere Welt abbildet. Die Weihnachtsgeschichte ist doch nicht zufällig die Geschichte, die am meisten zum Nachspielen anregt. Franz von Assisi hat damit begonnen. Und bis heute spielen meist Kinder diese Geschichte nach – und überall in den Wohnungen gibt eine Szene aus dem Spiel: Die Krippendarstellungen. Es ist ein Mysterienspiel, das unser Leben meint, unser Leben in Bezug auf das Geheimnis Gottes nachspielt. Wir und unsere Welt sollen sich darin wiederfinden.


3. Da ist zunächst die dunkle Nacht. Unsere Nacht. Die vielfältigen Nachterfahrungen unseres Lebens. Da sind die Menschen, die in dieser Nacht leben: Die Hirten, die zu den armen Leuten ihrer Zeit gehören; da sind Maria und Josef auf der vergeblichen Suche nach einer Herberge gleich den Flüchtlingen und Asylsuchenden unserer Tage. „Es ist kein Platz bei uns“, sucht woanders. „Das Boot ist voll“, so hört man von den Leuten, die da montags in Dresden demonstrieren. Das „Boot ist voll“, wird behauptet. Wieso leisten wir uns in Deutschland dann den Luxus, dass wir 800.000 Tonnen jährlich an Lebensmitteln wegwerfen? „Geht woanders hin, bei uns gibt es nichts mehr“. Menschen, die oft auf der Flucht oft wochenlang unterwegs waren unter Hunger und Entbehrungen müssen dann hören: Hier gibt’s nichts für euch, während gleichzeitig Tonnen von Lebensmitteln weggeworfen werden. Maria darüber hinaus hochschwanger. Und inmitten dieser dunklen Welt, dieser Hartherzigkeit, dieser Armut, inmitten der dunklen Nacht, inmitten unserer Welt also, liegt da ein Kind. Es ruft förmlich die oft verschüttete Liebesfähigkeit des Menschen hervor. Es ist schutzbedürftig und provoziert unseren Willen, zu schützen, zu behüten, zu bewahren. Da liegt ein Kind, das inmitten menschlicher Härte und Dunkelheit im Herzen des Menschen Licht hervorrufen kann, Liebe hervorrufen kann. Da ist ein Kind, das provoziert zu anderem Verhalten. Deshalb singen die Engel in diesem Mysterienspiel: „Verherrlicht sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen seiner Gnade.“ Das ist wohl die Gnade, die von diesem Kind ausgeht, dass wir Menschen bewegt werden zu anderem Verhalten angesichts eines wehrlosen Kindes in der Krippe. Später wird dieses Kind, wenn es einmal erwachsen ist, sagen: „Wenn ihr nicht werdet, wie die Kinder, dann könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ Vielleicht ist es so, dass wir erst unsere eigenen Panzer ablegen müssen, unsere eigene Schutzbedürftigkeit zugeben dürfen, um einander und füreinander zu sorgen und da zu sein.


4. Und wenn wir Silvester Rückschau halten, dann gibt es da einen Zusammenhang. Wann immer wir uns unsere Welt vor Augen stellen, dann erblicken wir mitten darin auch ein göttliches Kind, das – weil es so schutzbedürftig ist -, auch die guten Seiten in uns lebendig halten will und wach rufen will. Mitten im Dunklen der Welt wohnt auf diese Weise Gott.


5. Der bekennende Atheist und Philosoph, Jean Paul Satre, hat in deutscher Kriegsgefangenschaft auf die Bitten der dort mitgefangenen Priester an Weihnachten 1940 ein Theaterstück verfasst, das die Situation der Juden unter römischer Herrschaft wiedergibt. Bariona ist so eine Art Ortsvorsteher und leidet mit seinem Dorf schwer unter der römischen Herrschaft. Dann dringt die Botschaft von der Geburt eines göttlichen Kindes zu dem Dorf. Satre lässt nun den Ortsvorsteher folgende Worte sagen: „Wenn ein Gott sich zum Menschen gemacht hätte, mir zuliebe, würde ich ihn allein lieben, unter Ausschluss aller anderen, es wären wie Blutsbande zwischen ihm und mir, und mein ganzes Leben würde nicht ausreichen, um meine Dankbarkeit zu bezeigen. Bariona ist nicht undankbar. Aber welcher Gott wäre so verrückt?“ Dieses Kind in der Krippe ist der Rettungsversuch Gottes und Hoffnungszeichen, dass es Menschen seiner Gnade gibt, die die Welt verändern. „Christ, der Retter ist da.“

Franz Langstein

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