23.02.2014

Predigt am 7.Sonntag im Jahreskreis A14

Mt 5, 38-48


Liebe Schwestern und Brüder!

1. „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die linke hin. Wenn dir einer das Hemd wegnimmmt, dann lass ihm auch den Mantel. Wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm.“ Das sind wohl die berühmtesten Sätze der Bergpredigt. Berühmt wegen ihrer erschreckenden Radikalität, schockierenden Übertreibung, oder – müssen wir sagen – naiven Vertrauensseligkeit?


2. Oder wie wirken solche Sätze? – Wie wirken diese Sätze auf Sie/ auf mich? Macht es uns ratlos? - Noch die linke Wange hinhalten – Wie wirkt so ein Satz auf Frauen, die schon lange genug ihren gewalttätigen Ehemännern die Wangen hingehalten haben? Jemand noch dem Mantel lassen - Wie wirkt so etwas auf Menschen, die ausgebeutet sind, denen man nicht nur das Hemd genommen hat, sonderndie um ihre Lebensgrundlagen betrogen werden und ausgebeutet werden? Und wenn dich jemand zwingt, eine Meile zu gehen, dann gehe zwei. Wie wirkt das auf Flüchtlinge, die gezwungen sind, Tag und Nacht Meile für Meile zu laufen auf der Flucht vor Krieg und Gewalt? Werden die, die ohnehin schon Opfer sind, nicht noch einmal verhöhnt?


3. Auf der anderen Seite: Jesus war alles andere als weltfremd. Er kennt die vielen Menschen, die Opfer sind: Opfer von Gewalt, Opfer von Willkür, Opfer von Ausbeutung. Seine Sätze sind gewiss keine Verhöhnung der Opfer. Er hat sie im Blick. Er meint gerade sie mit diesen Sätzen. Denn Opfer zu sein – das ist entwürdigend. Der Mensch bestimmt nicht über sich selbst, über ihn wird willkürlich bestimmt. Opfer zu sein bedeutet der Ohnmacht ausgeliefert zu sein, handlungsunfähig zu sein. Und zurzeit Jesu gab es viele Menschen in Israel, die zu Opfern wurden. Die römischen Soldaten, die fern der Heimat Lust hatten an vielen Formen der Gewaltausübung, der Ausbeutung, der Willkür, der Unterdrückung. Dazu ein Steuersystem, das ein ganzes Volk in die Armut zwang. Nein, Jesus spricht hier nicht weltfremd etwas in den blauen Himmel hinein, sondern er meint genau diese Menschen, die Opfer sind, die unter Gewalt und Willkür und Ausbeutung leiden.


4. Aber wie sollen sie heraus kommen aus der Opferrolle? Wie können sie wieder ihre eigene Würde finden? Genau darum geht es! Das kann nur geschehen, indem sie wieder ihre Handlungssouveränität gewinnen. Das kann nur gelingen, wenn sie aus dem passiven Erdulden zu einem aktiven Tun finden. Das kann nur gelingen, indem sie nicht über sich bestimmen lassen, sondern selbst den Fortgang der Dinge bestimmen. Römischen Soldaten war es z.B. erlaubt, einen x-beliebigen jüdischen Bürger zu Frondiensten heranzuziehen und ihm zu zwingen, z.B. für den Materialtransport, eine Meile zu gehen. Hier wird jemand zum Opfer gemacht, entwürdigend, ausgeliefert, ohnmächtig. Jesus will aber, dass er handlungssouverän bleibt. Die Länger der Strecke gibt nicht der Soldat vor, sondern der andere: „Ich gehe nicht eine Meile mit dir, sondern zwei.“ Es geht darum, die Spirale von Gewalt zu unterbrechen. Es geht darum, das Schema Täter – Opfer zu zerstören. Es geht darum, die Logik der Ausbeutung zu entlarven. Kurz: Das Opfer lässt sich nicht zum Opfer machen, sondern unterbricht die Kreisläufe von Gewalt und Ausbeutung - und zwar aus eigener Souveränität. (evtl. hier das Beispiel von Maximilian Kolbe im KZ bringen). Wir können uns ja auch fragen: War Jesus am Kreuz das Opfer von Willkür oder war er bis zum Schluss souverän? Es scheint so, als wenn er seinen Weg bewusst und freiwillig gegangen ist und selbst diesen Weg entschieden gegangen ist. Er wirkt jedenfalls im Prozess vor Pilatus und den Hohepriestern außerordentlich souverän.


5. Das ist alles sehr schwer und sagt sich so leicht – die Opferrolle verlassen und handlungssouverän zu werden. Denn wir sind nicht in solchen Situationen. Aber ich fürchte, dass ich – wenn mir einer eine auf die rechte Wange schlägt – dass ich ihm dann auch eine klebe, vorausgesetzt, ich bin stärker. Ansonsten laufe ich. Also wäre doch hier noch einmal tiefer zu fragen. Was nämlich hier so theoretisch und einleuchtend klingt – handlungssouverän zu bleiben, Opferrolle zu verlassen, Gewaltspirale zu durchbrechen (das ist alles so rational) – was liegt dem Ganzen eigentlich zugrunde? Und jetzt erst kommen wir zum Zentrum der Aussagen Jesu.


6. Eine Antwort finden wir am Ende des heutigen Evangeliums: „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.“ Das ist nicht minder erschreckend. Es soll also um die Vollkommenheit Gottes gehen. Oder anders ausgedrückt: In den von Jesus aufgezeigten Handlungsanweisungen zeigt sich die Vollkommenheit Gottes. Es zeigt sich die Souveränität Gottes. Und worin besteht die Souveränität Gottes? In seiner Zuvorkommenheit. Gott kommt dem Menschen zuvor. Schön zu sehen am Beispiel des verlorenen Sohnes: Bevor der heimkehrende Sohn sein Schuldbekenntnis zu Ende gebracht hat, veranlasst der Vater, das Mastkalb zu schlachten und ein Fest zu feiern. Bevor der Mensch in seiner Neigung zu Gewalt und Schuld verdirbt, hat Christus am Kreuz Vergebung erwirkt. Bevor der Mensch vom Tod verschlungen wird, hat Christus in seiner Auferstehung den Tod besiegt. Es geht um die Grundhaltung Gottes, die dem Menschen zuvorkommt. Bevor dich ein Römer zwingt, eine Meile zu gehen, zeige ihm, dass du zwei gehen willst. Bevor dich jemand schlägt, zeige ihm, dass du nicht zurückschlagen wirst und er kein Grund hat, dich zu schlagen. Bevor dir jemand das Hemd nimmt, zeige ihm, dass du ihn beschenken kannst. Ob es mir gelohnt wird, weiß ich nicht. Aber ich habe meine Würde bewahrt und bin nicht Opfer geworden.


7. Das wäre das Aufleuchten der Vollkommenheit Gottes unter den Menschen. Von dieser bin ich noch meilenweit entfernt, aber ich weiß zumindest theoretisch, wohin die Reise gehen müsste. „Werdet vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“.

Franz Langstein

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