21.09.2014

Predigt am 25. Sonntag A14

Mt 20,1-16a


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Es ist irgendwie eine merkwürdige Geschichte, die uns heute im Evangelium erzählt wurde. Merkwürdig, weil man selbst nicht weiß, wie man sie bewerten soll. Jedenfalls schwanke ich hin und her zwischen zwei Aspekten: Da ist einmal das gesunde Gerechtigkeitsempfinden: Es gehört sich einfach nicht, dass die, die 12 Stunden unter großer Hitze und Anstrengung im Weinberg arbeiten, den gleichen Lohn erhalten wie diejenigen, die nur 1 Stunde in der Abendkühle gearbeitet haben. Das ist ungerecht. Der Gutsbesitzer wird schon sehen, was er damit erreicht, nämlich dass am nächsten Tag alle nur abends arbeiten kommen. Warum soll ich den ganzen Tag arbeiten, wenn eine Stunde für den gleichen Lohn genügt? Das ist die eine Seite: irgendwie widerspricht sie unserem Gerechtigkeitsempfinden. Aber da gibt es eben noch die andere Seite, die irgendwie sympathisch ist: Die, die den ganzen Tag gearbeitet haben, haben natürlich den Lohn vorher vereinbart. Es war ein guter Lohn, ein durchaus üblicher Lohn, der es einem Arbeiter gestattet, am nächsten Tag für sich und seine Familie zu sorgen. Insofern werden die Arbeiter nicht betrogen und es werden keine Verträge gebrochen. Und dass die anderen, die nur eine Stunde gearbeitet haben, den gleichen Lohn empfangen, ist im Ermessen des Arbeitgebers. Wenn er so großzügig ist, dass auch diese am nächsten Tag nicht darben müssen, dann ist das doch zu loben. Er ist nicht knausrig, sondern kennt die soziale Not der vielen Armen und Arbeitslosen seiner Zeit. Sozusagen ein gutes Werk – was ist dagegen einzuwenden. Irgendwie – vielleicht ergeht es Ihnen ähnlich – ist man in der Bewertung der Geschichte hin und her gerissen: Hier das gesunde Gerechtigkeitsempfinden, da das Verständnis für eine großzügige Geste des Gutsbesitzers, ein Werk der Barmherzigkeit, ohne die jede Gesellschaft verhärtet und verarmt.


2. Vielleicht muss man die Geschichte aus dem Gesamt der Botschaft Jesu verstehen. Die Geschichte beginnt mit dem Satz: „Mit dem Himmelreich ist es wie ...“ Man muss sagen: Jesus ist gekommen, den Himmel auf Erden zu bringen, die „Gesetze“ einer anderen Welt, einer neuen Welt zu bringen. Die Herrschaft Gottes soll anbrechen – auf Erden. Und diese Herrschaft gehorcht anderen Regeln. Er kommt, um Neues zu bringen. Und das heutige Evangelium schildert genau diese beiden Welten: Die alte und die neue; die Herrschaft menschlicher Ängste und Egoismen und die Herrschaft Gottes, das irdische Reich und das himmlische Reich. Da ist das Alte, das ganz und gar Irdische, das, was menschlichen Ängsten um sich selbst, was Egoismen entspringt. Dafür stehen die Arbeiter der ersten Stunde. Man darf diese jetzt aber nicht schlecht reden: irgendwie kann man sie ja verstehen. Unsere Welt ist nun mal so. Deshalb ist da absolut nichts Anstößiges. Sie kämpfen um ihren Lohn; sie schließen Verträge und wollen, dass sie allgemeingültig sind, um der Gerechtigkeit willen. Es kann nicht sein, dass jemand, der weniger arbeitet, den gleichen Lohn bekommt. Da gibt es dann Neid, wenn jemand doch mehr bekommt, da gibt es Rivalität, Konkurrenz. Alles funktioniert nach dem Prinzip „Do ut des“, ich gebe, damit du gibst. Ich gebe Dir meine Arbeitskraft, du gibst mir den Lohn. Ich gebe dir den Lohn, und du gibst mir deine Arbeitskraft. Damit das alles nicht aus dem Ruder läuft, gibt es eine große Errungenschaft der Menschheit: Das Recht. Damit werden die Egoismen, die Konkurrenzkämpfe in Bahnen gelenkt und in Grenzen gehalten. Das ist die Welt, die wir uns aufgebaut haben. Wir waren am Mittwoch am Point Alpha, einer Gedenkstätte an der ehemaligen DDR-Grenze. Unter anderem waren da auch amerikanische und sowjetische Panzer zu sehen. Selbst das war geregelt, wann man sie einsetzen darf, wann Verträge verletzt werden, wo die rote Linie ist. Panzer als Ausdruck unserer Ängste und unseres Misstrauens: Um all das in Schach zu halten, braucht es Regeln. Und einigermaßen funktioniert das auch. Die Interessen und Egoismen der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber werden durch das Tarifrecht geregelt; ab und zu darf man streiken, um Eigeninteressen durchzusetzen. Das ist unsere Welt. Damit wachsen wir auf. Deshalb kann man die Arbeiter der ersten Stunde gut verstehen. Wie würden vielleicht genauso denken, denn auch wir sind Kinder dieser Welt. Und deshalb fühlen wir auch mit den Arbeitern der ersten Stunde irgendwie eine Solidarität. Es wird ihnen Unrecht getan, ihre Arbeit wird nicht gewürdigt, wenn andere bei nur einer Stunde Arbeit den gleichen Lohn bekommen.


3. Und in diese unsere immer schon so funktionierende alte Welt bricht nur die Welt Gottes ein, die Herrschaft Gottes. Und das wirkt wie ein Schock, weil hier vollkommen anderes, vollkommen Unmögliches Vorrang hat. Nicht die egoistische Sorge um sich selbst, sondern die Aufmerksamkeit für den anderen; nicht das ängstliche Kreisen um sich, sondern um das Erkennen der Not anderer. Nicht Recht und Vertrag, sondern Liebe und Barmherzigkeit. Diese neue Logik sieht eben die Not derer, die immer noch keine Arbeit gefunden haben und nicht wissen, wie sie morgen ihre Familie ernähren sollen. Und der Gutsbesitzer sieht diese Not und handelt barmherzig, handelt aus Nächstenliebe, gibt mehr, als er geben müsste.


4. In der Tat: Wir verhärten und verarmen, je mehr zwischenmenschliche Bereiche vertraglich geregelt werden müssen, weil die Angst um sich selbst dominant wird. Wir verhärten und verarmen, wenn es nicht diese überraschenden Momente des Gottesreiches gibt, wo Menschen selbstlos, aus Nächstenliebe, handeln. Jesus ist dazu gekommen und auch dafür gestorben, dass er Neues bringen wollte und alte Regeln entlarvt hat, als Produkte der Angst. Jesus wollte den Menschen die Liebe und Geborgenheit Gottes bringen, damit sie von Ängsten befreit werden.


5. Ja, diese Geschichte spaltet. Sie spaltet sogar unsere eigenen Ansichten. Selbst wir sind bei der Bewertung der Geschichte hin und hergerissen zwischen dem Alten, das alles regelt und deshalb auch gut ist, und der Sehnsucht nach Neuem, nach einer Dominanz der Nächstenliebe und Güte, die immer ein Wagnis ist. Wie werden die Arbeiter handeln? Werden die Arbeiter der ersten Stunde nun denken: „Dann komme ich auch morgen Abend erst“? Oder wie werden die Arbeiter der 12. Stunde handeln? Werden sie sagen: „Der Gutsbesitzer war so großzügig, dafür werde ich morgen 12 Stunden für ihn arbeiten“? Hätten sie es begriffen? Würden sie sich von der Liebe verwandeln lassen oder weiterhin egoistisch denken: „Der Gutsbesitzer ist schön blöd, der gibt uns für 1 Stunde Arbeit den Lohn von 12 Stunden.“ Man weiß es eben nicht. Aber Jesus hat es auch nicht gewusst. Und mit seiner Botschaft ist er am Kreuz gescheitert. Er ist der Letzte geworden, ohne Ruhm und Glanz, verspottet und ausgelacht. Der Letzte: Und doch gilt diese Wahrheit. „Die Letzten werden die Ersten sein“. Dafür sollte man die neue Welt Gottes schon mal riskieren.

Franz Langstein

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