18.04.2014

Predigt am Karfreitag A14

 

 

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Fragen wir uns mal: Wer hängt da eigentlich am Kreuz? Wer ist da der Gekreuzigte? Und ich meine das jetzt nicht im historischen Sinn; natürlich hing Jesus damals am Kreuz; nein, ich meine das in einem übertragenen, tieferen Sinn: Wer ist eigentlich der Gekreuzigte? Wer ist der Verwundete? Wem sind Wunden geschlagen worden? Warum werden Wunden geschlagen? Wenn wir so weiterfragen, wird schnell deutlich, wer der Gekreuzigte ist: Es ist der Mensch. Jeder Mensch. Das Menschengeschlecht. Die Menschheit. Der Mensch ist der Verwundete.


2. Schon von Beginn an berichtet uns die Bibel vom Verwundetsein des Menschen. Kain erschlägt seinen Bruder Abel. Der Brudermord, der sich wie ein dunkler Abgrund durch die Menschheitsgeschichte zieht: Menschen töten Menschen. Der Turmbau zu Babel; die Diktatur der Arroganz, der Selbstvergötzung des Menschen, Heil dem Führer. Wie krank an der Seele muss jemand sein, der glaubt, einen Menschen mit Nägeln an zwei Holzbalken heften zu können? Wie verwundet müssen Menschen sein, die sich Atombomben ausdenken, die Vergasungsanlagen in Konzentrationslagern erfinden, die die Guillotine als Tötungsinstrument konstruieren. Wie kaputt ist eine Menschheit, in der auf der einen Seite Millionen Tonnen Lebensmittel vernichtet werden, auf der anderen Seite der Erde Menschen verhungern. Die Menschheit selbst ist am Kreuz. Sie ist die zutiefst an der Seele verwundete; und dieses Verwundetsein an der Seele bringt körperliche Wunden hervor. Kaputte machen kaputt, Verwundete schlagen Wunden. Die Kirche umschreibt diesen Sachverhalt mit Erbsünde. Weil sich dies wie ein dunkler Graben durch alle Jahrtausende zieht. Wir erben den Zustand der Menschheit, weil wir Teil dieser Menschheit sind, weil wir teilnehmen am Schicksal der Menschheit. Gerade in unseren Tagen wird es uns tiefer bewusst, dass es große globale Zusammenhänge von Ungerechtigkeit und Kriegen gibt, die auch mit unserem Lebensstil im Westen zusammenhängen.


3. Aber der Mensch ist noch auf andere Weise verletzlich: Er erfährt die Hinfälligkeit und Schicksalhaftigkeit des Lebens. Er erfährt sein eigenes Altwerden, Krankwerden, das Sterben geliebter Menschen, den Zusammenbruch seiner Lebensfundamente, die Erfahrung von Treulosigkeit und Einsamkeit, die Mühe und Lustlosigkeit alltäglicher Pflichterfüllung und vieles mehr. Manches Leben wird zum Kreuzweg. Wenn wir vom „Kreuz“ sprechen, reden wir zuerst vom menschlichen Leben. So müssen wir auch hier wieder sagen sagen: Der Mensch ist der Gekreuzigte. Das Kreuz ist tiefster Ausdruck menschlicher Befindlichkeit. Und da am Kreuz hängt nun der Sohn Gottes.


4. Jetzt, wo Christus daran hängt, wird das Kreuz zum tiefsten Ausdruck der Verbundenheit Gottes mit der Menschheit. Der Weg der Erniedrigung, angefangen bei der Menschwerdung Gottes in der Krippe, findet hier seinen tiefsten Punkt. Weil die Menschheit so tief gesunken ist. Edith Stein, die in Auschwitz ermordet wurde, hat das einmal sinngemäß zum Ausdruck gebracht: „Nur unter dem Zeichen des Kreuzes kann sich Gott mit uns verbinden. Das Kreuz ist die höchste Ausdrucksform der Verbundenheit Gottes mit den Menschen“. Dort, wo die Menschheit ist, nämlich am Kreuz, ist jetzt auch der Sohn Gottes. Das Kreuz wird zur Vollendung des Weges der Erniedrigung Gottes, weil der Mensch erniedrigt ist. Das Kreuz wird zum endgültigen Zeichen der Einheit von Gott und Mensch. Nicht, dass es ab jetzt keine Sünde, keine Schuld mehr gäbe, - das gibt es alles noch -, aber das alles ist jetzt nicht mehr so, dass der Mensch denken muss: Gott ist mir deshalb fern. Das geht ab jetzt nicht mehr. Er, Christus, hängt inmitten unserer Schuld, dessen Zeichen das Kreuz ist. Die Schuld ist kein Grund mehr, sich fern von Gott zu denken, vielmehr umgekehrt: Die Schuld ist der Grund, warum es Gott herabgezogen hat zu uns, bis ans Kreuz. Ostern werden wir zurückblicken jubeln: „felix culpa - o glückselige Schuld“ Und jetzt werden uns plötzlich die tiefen Aussagen des Alten Testamentes verständlicher, die wir vorhin gehört haben: “Er hat unsere Krankheiten getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und geschlagen. Doch er wurde durchbohrt werden unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ Hier sind wir jetzt im Zentrum des christlichen Glaubens angekommen. Wir sehen, das alles hat nichts zu tun mit religiöser Wellness, schönen religiösen Gefühlen oder Erfahrungen, das wäre zu wenig. Es hat nämlich alles etwas zu tun mit unserem Leben, und mit den Abgründen unseres Lebens.


5. Das Kreuz Christi ist also Teilnahme am Schicksal des Menschen und der Menschheit. Und es ist auch Teilnahme des Menschen am Schicksal Jesu. Unser Leben mit all seinen Kreuzen ist Teilnahme am Schicksal des Gekreuzigten. Es gibt keine menschliche Schuld, Angst, Schicksal, Tod mehr, wo nicht Gott schon längst da ist. Deshalb werden wir dann Ostern jubeln: „Sind wir mit Christus gekreuzigt, so werden wir auch mit ihm auferstehen“.

Franz Langstein

  •  
  •  
  •  
 

Kontakt

Katholisches Pfarramt

St. Johannes Evangelist


Ritterstraße 12
35037 Marburg

Tel. 06421-91390

Fax: 06421-913914

Pfarrbüro - Öffnungszeiten

Montag - Freitag: 8.00 - 12.00 Uhr


Montag, Mittwoch & Donnerstag:

13.30 - 17.30 Uhr



 

Gottesdienste

Samstag 17.30 h Vorabendmesse alle 2. Wochen in St. Jakobus, Wenkbach
Sonntag 11.00 h Heilige Messe
Sonntag 11.00 h Kinderwortgottesdienst im Kirchensälchen, am 2. und 4. Sonntag im Monat (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).


(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
Donnerstag 9.45 h Heilige Messe im APH St. Elisabeth, Lahnstraße 8 (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
Freitag 18.30 h Heilige Messe