16.02.2014

Predigt am 6.Sonntag im Jahreskreis A14

Mt 5,17-37


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Um das Unerhörte des heutigen Evangeliums zu verdeutlichen, stellen wir uns einmal folgende Situation vor: in einem Betrieb sagt ein Angestellter zu seinen Kolleginnen und Kollegen in etwa Folgendes: „Ich habt gehört, dass da gesagt worden ist, das und das sollen wir tun. Ich aber sage euch. Ihr habt gehört, dass unser Chef das und das angeordnet hat, ich aber sage euch…“ Wir können ein solch ungebührliches Verhalten nur damit erklären, dass da jemand absichtlich an seinem Arbeitsplatz sägen will.


2. Nicht anders hat das, was Jesus im heutigen Evangelium sagt, wohl in den Ohren der damaligen Zuhörer geklungen. „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist…, ich aber sage euch“. „Zu den Alten gesagt worden ist“; was ist denn da zu den Alten gesagt worden? Und jetzt kommt’s: Jesus zitiert drei der Zehn Gebote, nämlich das fünfte, sechste und achte Gebot: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten. Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören.“ Zu den Alten gesagt worden ist? – Da ist nicht einfach etwas zu den Alten gesagt worden, sondern das ist göttliche Offenbarung. Die Zehn Gebote, so der Glaube Israels, hat Moses direkt von Gott empfangen als Bundesurkunde, als Urkunde des Bundesschlusses zwischen Gott und Israel. Da ist nicht einfach irgendwas zu den Alten gesagt worden, sondern das ist Gottes Wort, was da gesagt wurde. Und genau diesem göttlichen Wort traut sich Jesus sein Wort entgegenzusetzen: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist…, ich aber sage euch“. Das ist unerhört. Das ist wie der Angestellte, der ein eigenmächtiges Wort dem Wort seines Chefs entgegensetzt. Entweder also ist Jesus hier völlig übergeschnappt, oder aber er spricht mit einer göttlichen Vollmacht und Autorität. Die Menschen müssen das jedenfalls so gespürt haben. Am Ende seiner Rede heißt es: „Als Jesus diese Worte beendet hatte, waren die Volksscharen ganz betroffen über seine Lehre. Denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten.“ Jesus spricht also mit Vollmacht „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist, ich aber sage euch.“ Wie aber sollen wir das jetzt verstehen, wenn Jesus drei Gebote zitiert, und seine Sicht der Gebote dem entgegensetzt?


3. Jesus scheint selbst um die Problematik zu wissen, wie sehr der Eindruck entstehen könnte, dass sein Wort die göttlichen Gebote außer Kraft setzt. „In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern. Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.“ Das, was Jesus sagt, hebt die Gebote, die da zu den Alten gesagt worden sind, nicht auf, sondern erfüllt sie. Genau damit haben wir jetzt eine Verständnishilfe.


4. Wir müssen uns ganz kurz in Erinnerung rufen, was der Sinn der Zehn Gebote war: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus“. Damit beginnt der Dekalog, die Zehn Gebote. Es geht also bei den Geboten um Freiheit. „Ich, der Herr, Dein Gott, habe Dich befreit“. Deshalb sollst Du jetzt nicht töten. Wo Menschen Angst voreinander haben müssen, wo sie sich nicht sicher sein dürfen, ob der andere nach meinem Leben trachtet, da geht Freiheit verloren. „Du sollst nicht die Ehe brechen“. Wo Menschen keine Verlässlichkeit mehr haben, kein Vertrauen mehr haben, da geht Freiheit verloren, da greift Misstrauen und Kontrolle um sich. „Du sollst nicht lügen“. Wo Menschen nicht mehr wahrhaftig miteinander umgehen, wo niemand mehr genau weiß, was der andere tatsächlich meint oder gar im Schilde führt, greift Angst um sich und Freiheit geht verloren. Die Zehn Gebote wollen die von Gott geschenkte Freiheit bewahren, retten und garantieren. Was Gott geschenkt hat, soll nicht mehr verloren gehen. Es geht also um von Gott geschenkte Freiheit der menschlichen Existenz, um gesellschaftliche Freiheit, um soziale Freiheit, um persönliche Freiheit. Das greift Jesus auf und vertieft Jesus auf eine unerhörte Weise.


5. Es fallen ja zunächst sofort die Parallelen bei Jesus zu Mose auf. Mose stieg auf einen Berg und empfing die Zehn Gebote. Jesus ist auch auf einen Berg gestiegen – seine Rede trägt sogar den Titel „Bergpredigt“ – und verkündet dort mit göttlicher Vollmacht und Autorität dieses „Ich aber sage euch“. Das Volk Israel war am Fuß des Berges versammelt und wartete auf Mose. Auch im Matthäus-Evangelium ist das ganze alte Zwölf-Stämme-Volk Israel am Fuß des Berges vor Jesus versammelt. Hier spricht also tatsächlich jemand, der wie Moses die alten Gebote der Freiheit verkündet und – wie Jesus selbst gesagt hat – „erfüllt“.


6. Wie also erfüllt Jesus die alttestamentliche Freiheit der Zehn Gebote? Ich will es mal so formulieren: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist, du sollst nicht töten, ich aber sage euch: jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt…“ Es nutzt nichts, wenn du zwar noch niemanden getötet hast, aber dein Herz zerfressen ist von Hass und Zorn und Wut und Missgunst. Du bist solange nicht frei, solange du unter dem Diktat des Hasses stehst, unter dem Diktat von Neid und Zorn. Und eine Gesellschaft wird solange nicht frei, solange in ihren Herzen Hass und Zorn und Missgunst regieren, selbst wenn niemand getötet wird. „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist, du sollst nicht die Ehe brechen, ich aber sage euch, wer eine Frau auch nur lüstern anblickt…“ Es nutzt nichts, wenn du zwar in der Ehe treu bist, aber innerlich keine wirkliche Entscheidung getroffen hast, sondern jeder Frau nachtrauerst und dich fragst, was wäre wenn. Du bist nicht wirklich frei. Treue und Verlässlichkeit und Zusammengehörigkeit sind innere Einstellungen, nichts Äußerliches. Und mit dem achten Gebot verhält es sich ähnlich: Es nutzt nichts, wenn Du zwar noch keinen Meineid abgelegt hast, aber deine ganze Existenz ist verlogen, scheinheilig, oberflächlich, aalglatt. Du bist nicht wirklich frei. Du bist Gefangener deines Zwiespalts, deiner Scheinwelt. In diesem Sinn meint wohl Jesus, dass er gekommen sei, die alten Gebote zu erfüllen und ihren Freiheitsimpuls zu vertiefen. Es genügt nicht, wenn äußerlich Gebote erfüllt, wenn aber der innere Mensch dem nicht entspricht.


7. Wieso kann Jesus das mit dieser Vollmacht verkünden? Weil er zutiefst darum weiß, zu welcher Freiheit und Größe der Mensch berufen ist. Jesus hat ganz und gar aus einer ganz tiefen Verbundenheit mit Gott gelebt. Ja, er wusste sich eins mit Gott, erfüllt von seiner Liebe. Aber damit ist in Jesus Christus das erfüllt, was Menschsein heißt: Der Mensch wird dort Mensch, wo Gott Raum in ihm gewinnt. Die Gemeinschaft mit Gott ist die höchste Erfüllung des Menschseins. In dem Maß, wie das geschieht, geschieht Verwandlung und Heilung im Menschen. Der Mensch braucht dann nicht mehr das Gebot: Du sollst nicht töten. Er ist unfähig geworden zu hassen. Er ist erfüllt von der Liebe Gottes. Im Himmel gibt es keine Gebote mehr. Aus dem inneren Erfülltsein hat Jesus gelebt. Er weiß, zu welcher Größe und damit Freiheit der Mensch berufen ist. Deshalb kann er mit großer Vollmacht sagen: „Ich aber sage euch…“ Der Mensch ist zu solcher Freiheit berufen, dass er sogar auf Gebote verzichten kann, weil er innerlich voll von Liebe und Wahrhaftigkeit ist. In Wahrheit aber verzichtet er nicht auf die Gebote, sondern er erfüllt sie. Augustinus wird später sagen: „ama et fac, quod vis“ – liebe und tu, was du willst. Diese Freiheit wird von Fundamentalisten oft als Willkür diskreditiert. Aber so kann man nur reden, wenn man den Zusammenhang von Freiheit und innerer Verwandlung nicht verstanden und nicht vollzogen hat.


8. Rufen wir uns am Ende das heutige Tagesgebet in Erinnerung:
Gott, du liebst deine Geschöpfe,
und es ist deine Freude,
bei den Menschen zu wohnen.
Gib uns ein neues und reines Herz,
das bereit ist, dich aufzunehmen.

Franz Langstein

  •  
  •  
  •  
 

Kontakt

Katholisches Pfarramt

St. Johannes Evangelist


Ritterstraße 12
35037 Marburg

Tel. 06421-91390

Fax: 06421-913914

Pfarrbüro - Öffnungszeiten

Montag - Freitag: 8.00 - 12.00 Uhr


Montag, Mittwoch & Donnerstag:

13.30 - 17.30 Uhr



 

Gottesdienste

Samstag 17.30 h Vorabendmesse alle 2. Wochen in St. Jakobus, Wenkbach
Sonntag 11.00 h Heilige Messe
Sonntag 11.00 h Kinderwortgottesdienst im Kirchensälchen, am 2. und 4. Sonntag im Monat (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).


(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
Donnerstag 9.45 h Heilige Messe im APH St. Elisabeth, Lahnstraße 8 (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
Freitag 18.30 h Heilige Messe