15.08.2014

Predigt am Hochfest „Mariä Aufnahme in den Himmel“ 2014

 


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Das heutige Hochfest, „Aufnahme Mariens in den Himmel“, ist für uns Christen ja zunächst überhaupt nichts Überraschendes. Gerade wir katholische Christen, die wir mit einer mehr oder weniger starken Heiligenverehrung groß geworden sind, können sofort bekennen: „Natürlich ist Maria im Himmel bei Gott. Ganz klar“. Aber das Dogma der Aufnahme Mariens in den Himmel, das Papst Pius XII. 1950 formuliert hat, ist eben nicht so einfach. Es lautet nämlich, dass Maria „mit Leib und Seele“ in den Himmel aufgenommen wurde. Und jetzt sieht die Sache schon anders aus. Wie sollen wir uns das vorstellen? Dass die Seele irgendwie aufersteht – gut, irgendwie wird da schon was dran sein. Aber der Leib? Jeder sieht doch, dass der Leib verwest? Was soll da auferstehen?


2. Ich glaube, wir müssen uns zuerst einmal davor hüten, jenen Augenblick, in dem der Mensch die Bühne dieser Welt verlässt und im Tod in die Anschauung Gottes gerät, zu verharmlosen und zu verbanalisieren, wie mir das heute zu oft geschieht; so, als gäbe es da einen Automatismus: Der Mensch lebt auf Erden, stirbt und dann geht’s da automatisch so ähnlich im Himmel weiter. Und genau hier kann nämlich die Rede von der Aufnahme in den Himmel mit „Leib und Seele“ sehr hilfreich sein.


3. Es würde jetzt viel zu lange dauern, eine ausführliche Begriffsklärung von Leib und Seele durchzuführen. Es geht hier nur um eine ungefähre Richtung, in die wir denken sollten. Also: „Seele“ meint in unserem Zusammenhang, und nur darum geht es, die tiefste Individualität meines Lebens, der, der ich bin, mein Personenkern, wenn man so will. Die Seele wäre so mein ureigenstes Selbst, der, der ich vor Gott bin. Ich habe ein Bewusstsein von mir selbst, von meinem Selbst, von dem, dass ich ich bin. Aber dieser innerste Personenkern, mein Selbst, meine Seele, mein ureigenstes Menschsein, kann nicht für sich existieren. Es will sich selbst zum Ausdruck bringen; ich will mich zum Ausdruck bringen. Die Seele, mein Personenkern, kommuniziert, tritt in Beziehung, tritt in Wechselwirkung. Und deshalb sprechen wir vom „Leib“. Der Leib ist sozusagen die Ermöglichung, sich selbst zum Ausdruck zu bringen, in Beziehung mit dem Außen zu treten und auch umgekehrt: Das Außen tritt in Beziehung zu mir, über den Leib. Ich, mein tiefster Personenkern, kann nur mit Leib existieren. Mit anderen Worten: Mein tiefstes Selbst ist Leib und Seele. Individualität und Bezogensein. Ich habe also nicht nur einen Leib, sondern ich bin Leib, weil ich einerseits Individuum bin (Seele) , andererseits nur durch Beziehung bin (Leib). Leib meint also etwas Ganzes, Ganzheitliches. Ich bin verleiblichtes Ich. Wäre ich nur Seele, könnte ich nicht nach außen in Wechselwirkung treten, wäre ich nur Leib, gäbe es nichts, was sich ausdrücken könnte. Edmund Husserl, der große Philosoph, hat gesagt: „Der Leib „ist schon immer mehr als ein materielles Ding“, er „hat schon immer eine zum Seelischen gehörige Schicht.“ Vielleicht kann es hilfreich sein, in dem Zusammenhang auf eine Besonderheit der deutschen Sprache aufmerksam zu machen: Wir unterscheiden nämlich zwischen „Körper“ und „Leib“. Der Körper ist das Biologische. Ich messe die Körpergröße, das Körpgergewicht. Kein Mensch spräche vom Leibgewicht, Leibgröße. Der Körper ist das rein äußerlich Objektivierbare, der Leib ist mehr, er ist Ausdruck, Beziehung, Gestalt des Selbst. Deshalb nicht messbar.


4. Wenn nun der Leib meine Ausdrucksform ist, meine Wechselwirkung mit dem Außen, d.h. ich wirke nach außen und das Außen wirkt auf mich, dann ist der Leib auch Ausdruck der Lebensgeschichte. Das Alter trägt Lebenserfahrung am Leibe. Der Leib hat auch eine geschichtliche Dimension. Er ist sozusagen die Summe meiner Erfahrungen, meines Handelns, meines Lebens. Das Leben prägt mich, auch seelisch, aber über den Leib.


5. Aus all dem Gesagten können wir jetzt zweierlei gewinnen in Bezug auf das Dogma, dass Maria „mit Leib und Seele“ in den Himmel aufgenommen wurde. Im Übrigen bekennen wir ja für uns alle die Auferstehung des Leibes. Insofern der Leib Lebensgeschichte ermöglicht, ich mein Leben nach Außen gestalte und das Außen auf mich prägend einwirkt, heißt Auferstehung des Leibes erst einmal die verwandelte, begnadete Endgültigwerdung meines gesamten Lebens. Was durch meinen Leib an Lebensgeschichte mich geprägt hat, wird ernst genommen. Gott nimmt die Erfahrung des Leibes ernst. All das Gute, die Sorgen, die Mühen, die Liebe, die Verantwortung, all das, was nur leiblich in diese Welt hinein gegeben werden kann, ist nicht umsonst. Es wird von Gott in seine Herrlichkeit hineingenommen. Und was mir nicht gelungen ist, wo ich ebenfalls leiblich in die Welt Dunkles, Böses, Sündiges, Schädliches in die Welt hineingegeben habe, hoffe ich auf Barmherzigkeit, auf den „verklärten“ Leib. Auf Verwandlung. Und ein zweiter Aspekt: Wenn mein ureigenster Personenkern mit dem Leib notwendigerweise verbunden ist, um sich nach außen mitzuteilen und das Außen auch auf mich wirken zu lassen, dann gilt das auch für Gott. Gott kommuniziert „leiblich“ mit mir. Hierin hat auch die kühne Behauptung des Christentums einen tiefen Grund: „Und das Wort ist Fleisch geworden“, oder wenn wir bei der Kommunion sagen. „Leib Christi“. Gott nimmt Rücksicht auf mich und kommuniziert selbst leiblich mit mir und über meinen Leib mit mir. Somit heißt „Auferstehung des Leibes“ die beglückende Fähigkeit des Menschen, in der Einheit Gottes trotzdem diese Einheit als Beziehung beglückend zu erfahren.


6. Wenn wir also sagen, dass Maria mit „Leib und Seele“ in den Himmel aufgenommen wurde, dann heißt das das Gleiche, was es auch für uns bedeuten wird: Maria hat im Moment ihres Todes erfahren, dass ihr ganzes Leben, all das Beglückende aber auch Schmerzhafte, das Helle wie das Dunkle, also all das, was sie durch ihr leibhaftiges Dasein in der Welt erfahren hat, nun also im Tod endgültig vor Gottes verwandelte Liebe und Barmherzigkeit kommt. Der Mensch erfährt, und dafür steht wiederum die Metapher „Leib“, so ein ganz tiefes, nicht beschreibbares Glück eines totalen Angenommenseins und Geliebtseins meiner einzigartigen Person, und dafür steht die Metapher „Seele“.

Franz Langstein

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