14.09.2014

Predigt am Fest Kreuzerhöung A14

Num 21,4-9; Joh 3,13-17


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Eine jede Gemeinschaft oder Gruppe, sei es eine Familie, eine Kirchengemeinde oder ein Fußballverein, lebt von einem Vorschuss an Vertrauen, den jeder einzelne dem anderen gegenüber gewähren muss. Ich kann nicht ständig die Frage klären müssen, ob denn der andere es auch gut mit uns und mit mir meint. Das muss vielmehr vertrauensvoll unterstellt werden. Nur so können Gemeinschaften leben. Misstrauen ist also Gift für jede Beziehung und Gemeinschaft.


2. Von so einem Gift berichtet uns heute die erste Lesung. Das Gemeinschaft der Israeliten war aus Ägypten befreit worden und nun unterwegs durch die Wüste ins Gelobte Land. Das anfängliche Vertrauen in Gottes Führung und in die Führung durch Mose kippte um in Misstrauen: „Warum habt ihr uns aus Ägypten heraufgeführt? Etwa damit wir in der Wüste sterben?“ Eine schlimme Form des Misstrauens breitete sich aus: Gott und Mose meinen es nicht gut mit uns. Sie haben uns herausgeführt, damit wir in der Wüste sterben. Ein solches Misstrauen, ja eine solche unerhörte Unterstellung ist förmlich Gift für jede Gemeinschaft, erst recht für das Volk Gottes, für Israel. Wie von Giftschlangen gebissen wird das Volk von diesem Misstrauen infiziert und tödlich verwundet. „Da schickte der Herr Giftschlangen unter das Volk. Sie bissen die Menschen, und viele Israeliten starben.“ Das Volk erkennt die tödliche Gefahr. Hat sich aber einmal das Misstrauen eingeschlichen, kann es nicht einfach wieder in Vertrauen verwandelt werden. Was soll man tun? Der Herr gibt Mose den Auftrag: „Mach dir eine Schlange, und häng sie an einer Fahnenstange auf! Jeder der gebissen wird, wird am Leben bleiben, wenn er sie ansieht.“


3. Das ist der erste Schritt der Heilung: Seht die Schlange an; d.h. schaut das Misstrauen an. Schaut eure Schuld an. Lauft nicht weg von den dunklen Seiten in euch. Steht dazu, nur so ist Heilung möglich. Nur wo der Mensch es lernt, Schuld anzuschauen, das Gift des Misstrauens wahrzunehmen, kann gegengesteuert werden. Man muss die Schlange anschauen, die selbst in einem ist.


4. Und nun heißt es im heutigen Evangelium: „Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden“. Und da sind wir jetzt mitten drin im Geheimnis des heutigen Festes „Kreuzerhöhung“, mitten im Kreuzesgeheimnis. Wir schauen nicht mehr auf die Schlange, wir schauen auf den am Kreuz erhöhten Leidensknecht, Jesus. Aber es ist der gleiche Blick: Es ist das Anschauen unserer Schuld. Jesus hat sich sozusagen selbst zur erhöhten Schlange gemacht, zum Spiegelbild unserer Schuld: Was ist mit uns Menschen los, dass der Unschuldige, der Liebende, der Sohn Gottes so dermaßen gequält und gefoltert und schließlich brutal gekreuzigt wurde? Und was ist mit uns Menschen los, dass er bis heute in jedem unschuldig Leidenden gekreuzigt wird? Jedes unschuldige Leid ist ein Spiegelbild dafür, dass mit uns Menschen etwas nicht stimmt, ein Spiegelbild der Sünde. Und so ist auch der am Kreuz Erhöhte ein Spiegelbild der Sünde der Menschen. Paulus wagt sogar den Satz: „Gott hat Jesus zur Sünde gemacht“. Aber indem wir auf das Kreuz schauen und auf Christus, den Geschundenen, schauen wir auf unsere eigene Schuld. Was ist mit uns Menschen los, dass so etwas passieren konnte und immer wieder passiert? Aber indem wir eben auf unsere eigene Schuld schauen, ist Heilung möglich. Es ist Heilung möglich, nicht nur, indem wir auf das Kreuz schauen als Spiegel unserer Schuld, sondern auch, weil, - Gegensatz zur Schlange in der Wüste-, von diesem Kreuz Vergebung ausgeht. Das Bild des am Kreuz Erhöhten geht noch einmal entscheidend weiter als das Bild der Schlange in der Wüste. Der Mensch kann immer zu seiner noch so abgrundtiefen Schuld stehen, weil er im Blick auf das Kreuz Christi auch Vergebung erfährt.


5. Wir kommen hier zu einem wichtigen Punkt des Gedenkens und Erinnerns. Wenn wir z.B. einer schlimmen Zeit gedenken, - nehmen wir als Beispiel einmal den Volkstrauertag, an dem wir der Opfer des Naziterrors gedenken -, dann darf das nicht einfach ein historisches Gedenken sein: „Ach so war das damals“, sondern es muss ein anamnetisches, sich vergegenwärtigendes Erinnern sein, dass mir deutlich macht: Auch in mir steckt dieses Gewaltpotential. Aber indem ich genau so auf die „Schlange in mir“ blicke, werde ich sensibel für jede Art von Gewalt und Ungerechtigkeit. Ein rein historisches Gedenken ist letztlich doch nur wieder eine Art der Verdrängung und so manches Denkmal, das wir errichten, nur ein Monument des nicht Wahrhabenwollens. Fest „Kreuzerhöhung“: Ein anamnetisches Gedenken der Schuld, die im Kreuz Christi angenommen ist und deshalb Vergebung und Heilung bewirkt für den, der darauf blickt.

Franz Langstein

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