12.10.2014

Predigt am 28. Sonntag A14

Thematische Predigt: Salafisten und unsre Gesellschaft


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Die Bischöfe rufen für heute zu einer Kollekte für die verfolgten Christen im Nahen und Mittleren Osten auf. Es sind schlimme Bilder und Nachrichten, die uns vom Terror fundamentalistischer Islamisten erreichen, besonders das brutale Vorgehen der ISIS-Kämpfer im Irak und Syrien. Die Hilflosigkeit, mit der wir dastehen, macht mich manchmal wütend. Die Unfähigkeit, mit der wir eine Flüchtlingsaufnahme organisieren, ist beschämend. Schon lange wurden besonders Christen in Syrien und im Irak Opfer brutaler Islamisten, ohne dass sich in unserer Gesellschaft eine besondere Erregung darüber zeigte. Erst als die Jessiden ins Visier der Islamisten gerieten, wurde der Aufschrei groß. Man hatte fast den Eindruck: Christen kann man ruhig verfolgen, aber Jessiden, das geht gar nicht. Was herrscht da nur für eine merkwürdige Einstellung in unserem Land zur eigenen Religion?, möchte ich fragen.


2. Aber ich möchte heute hier eine Frage ansprechen, die mich und – so höre ich aus den Gesprächen heraus – viele Menschen bewegt: Wie ist es möglich, dass die Islamisten inmitten unserer Gesellschaft junge Leute davon überzeugen können, in den Krieg nach Syrien und in den Irak zu ziehen? Wie schaffen es die Salafisten mit ihrer hoffnungslos veralteten und verwirrten Weltsicht und ihrem pathologischen Gottesbild junge Leute zu rekrutieren. Es gibt da mittlerweile auch viel darüber zu lesen, Kluges und weniger Kluges. Natürlich gibt es immer viele Gründe, die anzuführen wären. Ein junger Mann entscheidet sich nicht aus einem Grund dafür, Salafist zu werden, da muss schon Mehreres zusammentreffen. Ich möchte hier zwei Dinge nennen, von denen ich glaube, dass wir das gerade als Christen betonen sollten und von denen wohl gerade deshalb in der Öffentlichkeit kaum die Rede ist.

Einmal: Wir leben in einem liberalen Staat, in einem freiheitlichen Staat. Das bedeutet: Der Staat schafft Rahmenbedingungen, z.B. die Verfassung, innerhalb derer jede Freiheit ermöglicht wird: Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und ganz vieles mehr. Persönliche Freiheiten, Gruppenfreiheiten. Aber eines darf der freiheitliche Staat nicht: Er darf die Sinnfrage nicht beantworten. Wenn er das täte, wäre er kein freiheitlicher Staat mehr. Dann wäre er eine Diktatur. Denn in einer Diktatur wird alles vorgegeben, auch die Frage, wie du leben sollst und was dein Lebenssinn gefälligst zu sein hat. Wir haben es im Nationalsozialismus erlebt und in der ehemaligen DDR. Schon Kleinstkinder wurden den Eltern in sogenannten Krippen entzogen, um sie da stromlinienförmig gleichzuschalten. Frühkindliche Bildung. Kommt einen heute irgendwie wieder bekannt vor. Egal – wie auch immer. Der freiheitliche Staat gibt also keine Antwort auf die Sinnfrage, aber er muss ermöglichen, dass jeder in unserem Land seinen Sinn finden kann. In dem Zusammenhang möchte ich hier in voller Länger jenes berühmte Diktum zitieren, das von Ernst-Wolfgang Böckenförde stammt: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“


Der Staat ist also in einer ganz wichtigen Frage, nämlich in der Frage nach dem Sinn des Lebens, darauf angewiesen, dass andere diese Frage aufgreifen und beantworten. Da jedes Leben nach erfülltem Dasein strebt, der Staat aber diese Erfüllung nicht geben kann, aber die Rahmenbedingungen dafür schaffen muss, ist der Staat auf Institutionen angewiesen, die die Sinnfrage angehen und dem Menschen helfen, sinnerfüllt zu leben. Diese Institutionen, die die Sinnfrage beantworten wollen, können vielfältig sein: Das kann z.B. auch ein Fußballverein sein. Die Frage ist nur: Mit welcher Art von Sinnerfüllung begnügt sich der Mensch? Und auf einer tieferen Ebene dieser Frage haben die Religionen dann ihren Platz. Und in unserem Land, geschichtlich und kulturell bedingt, ist es das Christentum. Das Christentum ist – oder sollte man sagen – war in unserem Land die sinnstiftende Institution. Und jetzt sind wir beim Eigentlichen: Wenn der Staat auf sinnstiftende Institutionen angewiesen ist, dann fügt sich unsere Gesellschaft einen großen Schaden zu, wenn sie diese sinnstiftenden Institutionen diskreditiert. Wenn die Kirchen und das Christentum in unserem Land durch Medien und andere öffentlichkeitsrelevanten Personen lächerlich gemacht werden, dann fehlt unsrem Land etwas. Dann entsteht eine Sinnleere. Ich kann diese Sinnleere eine Weile überbrücken mit Partys, Geld und oberflächlichem Design, aber ein Leben lebt nicht vom Design, sondern vom Sinn. Tief innen bleibt etwas unerfüllt. Es entsteht ein Vakuum. Die Natur kennt den „horror vacui“, d.h. die Natur verträgt es nicht, wenn sich irgendwo eine Leere auftut, ein Vakuum entsteht. Die Natur drängt dazu, jede Leere sofort aufzufüllen. Diesen horror vacui scheint es auch im Geistigen und Geistlichen zu geben. Der Mensch erträgt das Vakuum der Sinnleere auf Dauer nicht. Das Vakuum will aufgefüllt werden. Und hier nun stoßen die Salafisten hinein mit ihren markigen sinnstiftenden Ideen und Gedanken. Und da in unserem Land so viele Jugendliche sinnentleert leben, wird diese Botschaft aufgrund des horror vacui sofort aufgesogen. Unsere Gesellschaft muss sich also von uns Christen die Frage gefallen lassen, ob sie sich damit einen Gefallen tut, die in unsrem Land gewachsene sinnstiftende Institution wie das Christentum so ins Abseits zu drängen. Die Früchte der Sinnentleerung muss dann die Gesellschaft auch ernten. Gegen Fundamentalismus aller Art helfen nur ein sinnerfülltes Leben und sinnstiftende Einsichten. Es hat nichts mit Armut und mangelnder Bildung zu tun. Auch gebildete und wohlhabende Jugendliche fallen auf Salafisten rein.

3. Ich möchte noch einen zweiten Punkt erwähnen, wissend, dass ich mich da auf gesellschaftlichem Glatteis bewege. Es wird gesagt – und das wir sicherlich stimmen – dass Jugendliche mit dem Übertritt zum Salafismus auch eine Protesthaltung einnehmen. Mit dieser markigen Art des Auftretens und des Kleidens und der ungepflegten Rauschebärte wollen sie auf sich aufmerksam machen. Waren es früher die Punker, die mit ihrer Hahnenkammfrisur auf sich aufmerksam machen wollten, sind es heute die Salafisten. Denn die Punker sind heute so hoffnungslos normal, dass sie keine Aufmerksamkeit bekommen. Aber der furchteinflößende Salafist stellt wieder was dar. Wenn das so ist, dass der Übertritt von Jugendlichen zum Salafismus so verstehen ist, dass hier jemand nach Aufmerksamkeit schreit – „Nehmt mich endlich wahr“ – dann muss unsere Gesellschaft sich fragen: Woher kommt das Aufmerksamkeitsdefizit? Was ist hier in der Kindheit und gerade in der frühen Kindheit falsch gelaufen? Warum hat hier jemand zu wenig Aufmerksamkeit bekommen? Und hier würde ich mir wünschen, dass alle, die in der Kinderpädagogik, in der Kindererziehung, in der Kinderpsychologie zu tun haben, endlich aufschreien und fragen: Wenn es stimmt, dass Kinder gerade in der Frühkindheit feste Bezugspersonen brauchen, inwieweit soll es dann eine gesellschaftliche Errungenschaft sein, wenn Kinder schon ganz früh aus den kindlichen Bindungen zu Vater und Mutter herausgerissen werden, um in einer Bildungseinrichtung, genannt „Krippe“, neue Bezugspersonen zu finden und ständig hin und her gebracht zu werden zwischen verschiedenen Bezugspersonen. Ich glaube, wir hatten früher etwas von den Zusammenhängen geahnt, als wir sagten, dass Kinder nicht zu früh in den Kindergarten gebracht werden sollten. Aber wo bleibt der Aufschrei der Kinderpsychologen, die um diese Zusammenhänge wissen? Ist es die Angst vor dem Mainstream unserer Gesellschaft? Als die Bundesregierung das Betreuungsgeld einführen wollte, was ging da für ein Aufschrei durch die Republik: Das sei von vorgestern, wurde da behauptet. Beugt man sich diesem Aufschrei? (Eventuell hier den Text von S. Schröer aus „Widersprüche Einsprüche“ S. 13 vorlesen).


4. Diese beiden Dinge möchte ich als Christ gern als Frage an unsere Gesellschaft weitergeben: Tun wir uns einen Gefallen, sinnstiftende Institutionen zu diskreditieren? Und: Woher kommt der Aufschrei nach Aufmerksamkeit bei unseren Jugendlichen?


5. Das mag jetzt vielleicht keine Predigt über Gott gewesen sein, aber ich wollte hier aus gegebenem Anlass einfach mal laut nachdenken, mehr nicht, wissend, dass es nur meine Meinung ist.

Franz Langstein

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