10.08.2014

Predigt am 19. Sonntag im Jahreskreis A14

Kön 19, 9a.11-13a


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Es gibt so wunderbare Geschichten in der Bibel, und auch gerade im Alten Testament, dass einen nicht verwundert, wenn die Bibel „Heilige Schrift“ genannt wird. Es geht um religiöse Einsichten, die gerade deshalb immer Lebenswahrheiten und Lebensweisheiten sind, die uns viel sagen über unseren Glauben, über unser Leben, über unsere Beziehung zu Gott. Eine solche tiefe Geschichte hörten wir gerade in der ersten Lesung. Gott war nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer, sondern im sanften Säuseln.


2. Diese Geschichte stellt einen Lernprozess dar, ein Wachstumsprozess im Glauben, eine Glaubensvertiefung. Elija war der große Kämpfer für den Monotheismus in Israel, der große Kämpfer gegen die Götter, vor denen die Israeliten immer wieder niederfielen. Gerade hatte Elija 450 Baalspriester abschlachten lassen, weil diese der Gottheit Baal dienten. Und nach diesem großen Gemetzel war es Elija leid, diesen Kampf so laut, so spektakulär, so gewaltig fortzusetzen. Er geht in die Wüste und will seine Ruhe, ja eigentlich seinen Tod. Er will nicht mehr. Und nachdem ihm ein Engel ermutigt hatte, zum Berg Horeb zu gehen, wanderte Elija 40 Tage und Nächte dorthin. Die Zahl „40“ ist diese symbolische Zahl, die eine Zeitspanne anzeigt, in der Wichtiges sich ereignet. Ein Lernprozess also. Und an dieser Stelle nun setzt die vorhin gehörte Lesung ein: „In jenen Tagen kam Elja zum Gottesbergt Horeb. Dort ging er in eine Höhle, um zu übernachten“. Und dann heißt es so schön weiter: „Da zog der Herr vorüber: En starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus.“ Dann folgt ein Erdbeben, dann ein Feuer. Aber der Herr war weder im Strum, noch im Erdbeben, noch im Feuer, sondern in einem sanften, leisen Säuseln. „Da hüllte Elija sein Gesicht in den Mantel.“ Wie wunderbar. Wie liegt über dem Ganzen ein heiliges Geschehen! Spüren wir dem nach. Was ist der Lernprozess, der sich in der symbolischen Zeitspanne von 40 Tagen und Nächten ausdrückt, der sich aber in realen Zahlen über Jahrzehnte ausdehnen kann? Elija musste den Glauben lernen, die Gottesanwesenheit lernen.


3. Zuerst heißt es: „Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm.“ Das kann das erste sein. Der Anfang eines Glaubensweges. Man meint, im Sturm Gott erobern zu können. Es ist eine enorme Begeisterung, die Unmögliches zu leisten vermag: Berge werden zerrissen und Felsen zerbrechen. Es ist eine Begeisterung im Glauben, wie wir sie manchmal bei jungen Leuten erleben können, wie ich es auch in der letzten Woche erlebt habe auf der Ministrantenwallfahrt in Rom. Gott ist wie ein heftiger Sturm, der mich nicht zur Ruhe kommen lässt, der mich anspornt, immer und überall von ihm zu künden. Die Begeisterung trägt. Aber, so heißt es: „Der Sturm ging nur dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm.“ Diese anfängliche Begeisterung ist vielleicht notwendig, mit all ihren einfachen und klaren Gottesbildern. Alles ist in dieser Zeit der Begeisterung leicht. Aber, sie geht der wahren Gottesbegegnung nur voraus. „Sie geht dem Herrn voraus“. Dann kommt das nächste. „Nach dem Sturm kam ein Erdbeben.“ Wenn der Sturm der Begeisterung nachlässt, kommt das Erdbeben. Nichts geht mehr leicht von der Hand. Die Gottesbilder und Selbstbilder, die Bilder von einer wunderbaren Kirche, erbeben und zerbersten. Man sieht sich getäuscht. Gott scheint auch nicht zu halten, was man sich von ihm erhofft hat. Die Glaubensgrundlagen erbeben, die Fundamente wackeln. Eine schwere Zeit. Nicht bei allen überlebt der Glaube. Das Erdbeben geht aber auch nur der Gottesbegegnung voraus. Ist notwendig zur Reinigung des Glaubens. Aber der Herr war nicht im Erdbeben. „Nach dem Beben kam ein Feuer“. Was das Beben ins Wanken gebracht hat, wird jetzt vollends niedergebrannt. Versucht man nach dem Beben noch zu retten, was wieder aufzubauen ist; irgendwie noch krampfhaft an alten Vorstellungen von Gott und Glauben festzuhalten, so brennt nun das Feuer endgültig alles nieder. Der Mensch kann sich von Gott keine Vorstellung mehr machen. Er weiß nicht, wie er von ihm richtig sprechen kann. Ja, es fällt ihm sogar schwer, zu beten, weil Gebete oft eine Gottesvorstellung wiedergeben, in der sich der Betende nicht mehr wiederfinden kann. Der Mensch hat das Gefühl, er steht vor Gott wie vor einem Nichts. Die Enttäuschung ist immens. Der Mensch fühlt sich ausgebrannt, zurückgelassen, verzehrt. Aber jetzt, wo er sich keine Vorstellung von Gott mehr machen kann, ist er eigentlich Gott am nächsten. Jetzt, nach dem Feuer, das auch wieder nur dem Herrn vorausgeht, heißt es: „Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, und trat hinaus.“ Denn jetzt, wo ich alle Vorstellungen von Gott verloren habe, kann Gott wirklich kommen, und zwar als Gott, nicht als der, den ich gerne möchte. Und dann geht er ganz neu in mir auf, und zwar nicht als der, den ich mir vorstelle, sondern als reines Gnadengeschenk lebt er, säuselt er in mir. Ich muss es nicht immer wissen, ich muss ihn nicht ständig spüren. Nicht Gotteserfahrungen sind wichtig, sondern Gottesbewusstsein. Eine leise Anwesenheit Gottes in meinem Leben, der ich mir dankbar bewusst bin, aber die nicht spüren muss. In der Mystik nennt man diesen Weg „den Weg der Reinigung, der Erleuchtung und der Vermählung“. Andere sagen dazu, der „Weg des Wachstums, der Auseinandersetzung und der Versöhnung“. Auch Petrus hat diese Erfahrung gemacht, wie uns das Evangelium berichtet. Er wollte den Gottesbeweis: „Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme“. Dann bekommt er Angst und säuft ab. Jesus sagt zu ihm: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ Ich glaube, dass der Zweifel nicht erst auf dem Wasser kam, sondern als Petrus sicher sein wollte: „Wenn du es bist…“ Petrus wollte einen Beweis, und das war sein Zweifel. Vertrauen wir dem sanften Säuseln Gottes in unserem Leben. Egal, ob es uns gut geht oder schlecht, egal, ob ich mich begnadet fühle oder Gott fern, egal ob ich gut drauf bin oder Schuldgefühle mich plagen… All das gehört zu Leben – und mitten darin ist Gott wie ein sanftes leises Säuseln. Und die Antwort: „Und Elija hüllte sein Gesicht in den Mantel.“ Eine tiefe Ehrfurcht vor dem Heiligen, das mein Leben durchwaltet.

Franz Langstein

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