09.11.2014

Predigt am 32. Sonntag im Jahreskreis A14

Mt 25,1-13


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Ich weiß nicht, liebe Brüder und Schwestern, wie es Ihnen mit dem Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen so ergeht. Ich stolpere jedes Mal über zwei Stellen: Einmal, dass die klugen Jungfrauen nichts abgeben wollen von dem Öl, also dieses unsolidarische Handeln, und zum anderen, dass die törichten Jungfrauen am Ende nicht in den Hochzeitssaal eingelassen werden. Sie klopfen an die Tür, doch die Tür bleibt verschlossen. Eine Geschichte ohne Happy End. Das ist wie ein Film ohne Happy End. Das lässt einen unzufrieden und verstört zurück. Nikos Kazantzakis hat in seinem Roman „Die letzte Versuchung“ dieses Gleichnis aufgegriffen und ihm deshalb ein anderes Ende gegeben: „‘Was würdest du tun, wen du der Bräutigam wärest, Nathanael‘? fragte Jesus und richtete seine großen dunklen Augen auf ihn. Nathanael schwieg Er sah noch nicht ganz klar, was er tun sollte. Teils wollte er sie fortjagen, das Tor war ja verschlossen, so gebot es das Gesetz, teils taten sie ihm leid, und er wollte ihnen öffnen. ‚Ich würde öffnen‘, sagte er leise. ‚Recht getan, Nathanael‘ sagte Jesus froh und streckte seine Hand aus, als ob er ihn segnete. Der Bräutigam rief den Dienern zu: ‚Öffnet das Tor, dies ist eine Hochzeit, alle sollen essen und trinken und fröhlich sein! Lasst die gedankenlosen Jungfrauen hereinkommen und sich die Füße waschen, denn sie sind weit gelaufen‘.“ Ein solches Ende wäre schöner und passt wohl auch besser zu dem, wie wir uns Jesus vorstellen. Aber – so ist es nicht. Die Törichten bleiben draußen. Die Hochzeit findet ohne sie statt. Das sind verstörende Elemente, die in diesem Gleichnis vorkommen. Kein Happy End.


2. Von daher ist es hilfreich, sich vor Augen zu halten, was soll denn eigentlich in dem Gleichnis mit was verglichen werden? Es ist eben kein Gleichnis, das uns Solidarität näher bringen will oder den Sinn des Lebens als Happy End beschreiben will. Es geht um etwas ganz anderes: Und beim Lesen fällt eigentlich sehr rasch auf, dass der zentrale Satz des Gleichnisses lautet: „Als nun der Bräutigam lange nicht kam.“ Denn dieser Satz entsprach der Realität und dem Glauben vieler Christen der damaligen Zeit. Man war der Meinung, dass noch zu Lebzeiten der Herr wiederkommen würde, auf den Wolken, um Gericht zu halten. Man lebte in einer Haltung der Naherwartung. In der zweiten Lesung gibt Paulus ja eine Antwort auf die Irritation, dass schon viele Christen gestorben sind, ohne dass der Herr gekommen ist: „Wir, die Lebenden, die noch übrig sind, wenn der Herr kommt, werden den Verstorbenen nichts voraushaben.“ Also darum geht es: „Als nun der Bräutigam lange nicht kam“. Denn das stellt nun alles in Frage. Es wird uns ja im Neuen Testament berichtet, wie selbstlos die Christen waren, dass sie alles verschenkten usw. Ja, wenn man glaubt, dass in den nächsten Wochen, Monaten oder Jahren der Herr kommt und die Welt zu Ende geht und Gericht gehalten wird, dann ist genau dieser Glaube eine große Motivation für solch selbstloses Handeln. Nun aber dämmert es den ersten Christen: Die Ankunft verzögert sich. „Kommt er überhaupt? Ist alles umsonst, was ich getan habe? War meine Selbstlosigkeit nicht voreilig? Was habe ich jetzt davon?“ Oder um es im Bild des Gleichnisses zu sagen: „Das Öl geht zur Neige“. Die Motivation, der Glaube, das Engagement, die Gottessehnsucht, die Hoffnung, all das geht zur Neige. Der Herr kommt scheint’s doch nicht. Stattdessen macht sich Enttäuschung breit, nachlassender Eifer, Frustration. Das sind die törichten Jungfrauen. Die Klugen dagegen behalten all diesen Glauben und den Eifer, selbst wenn er sich nicht zu lohnen scheint, weil die Ankunft sich verzögert.


3. Ich glaube, spätestens hier können wir mal innehalten und uns fragen, was heißt das denn für uns? „Als nun der Bräutigam lange nicht kam…“ Ist es nicht auch um uns so bestellt: Je länger ein Leben dauert, umso mehr kann einen das Gefühl der Gottesferne beschleichen? In der Kindheit hat man einen ganz einfachen, kindlichen Glauben. Als Jugendlicher hat man Ideale, Vorstellungen davon, wie man sein Leben leben möchte. Aber je länger ein Leben währt, umso mehr Schrammen trägt es davon. Da sind die vielen Schicksale, die einen nach der Existenz Gottes fragen lassen. Da sind die vielen unbeantworteten Rätsel des Lebens, die Fragen, auf die auch von Gott her keine Antwort kommt. Da sind die vielen Bitten an Gott, die scheinbar keine Erhörung gefunden haben; da ist das Gefühl, dass aller Einsatz für das Gute und Gerechte einem nicht gelohnt wird, auch nicht von Gott. Da sind die zerbröselten Ideale, und da ist das Schweigen Gottes, das Gefühl seiner Ferne usw. Und plötzlich ist das Öl in den Lampen leer. Glaube, Eifer, Einsatz – man will nicht mehr. Ja, der Herr lässt lange auf sich warten. Man wird des Glaubens müde. Alle Jungfrauen in dem Gleichnis sind eingeschlafen. Nur – als dann der Bräutigam kam, hatten fünf von ihnen noch genügend Öl, die anderen keines mehr in den Lampen. Vielleicht kommt es darauf an, wie wir mit solchen Gefühlen von Enttäuschung, Gottesferne, Gottesschweigen, vor denen wir ja nicht verschont bleiben, annehmen. Als Herausforderung an den Glauben oder als Grund, sich endgültig von Gott loszusagen und zu dem Ergebnis zu kommen: Es ist eh alles umsonst, es gibt keinen Gott.


4. Und dann kann man wohl auch verstehen, warum die einen vor verschlossenen Türen stehen und die anderen im Hochzeitssaal sich befinden. Sie waren nicht da, als der Bräutigam kam. Sie haben den entscheidenden Moment vermasselt. Es gibt eben Lebenssituationen, die wie ein Kairos sind, wie eine wichtige Entscheidungszeit. Kommt man zu spät, bestraft einen das Leben. Wir hatten das ja vor 25 Jahren – Mauerfall. Es war keine allzu lange Zeitspanne, in der die deutsche Einheit möglich war. Heute – mit Putin – wäre die deutsche Einheit wohl nicht mehr möglich. Verpasst man solche Entscheidungszeiten, dann steht man vor verschlossenen Türen. Irgendwann schließen sich die Türen wieder. Das gilt manchmal für Völker, das gilt für einzelne Menschen, das gilt für die Kirche. Sie hat mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Tore weit aufgerissen. Leider gingen die Bischöfe den Weg nicht konsequent weiter. Entscheidungen wurden verpasst. Die Türen schließen sich und die Verantwortlichen sind längst gesellschaftlich „out“. Draußen.


5. Begreifen wir unser Leben als die große Zeit der Entscheidung für den auf uns zu kommenden Gott. Und wenn er lange auf sich warten lässt, geben wir uns Mühe, dass das Öl nicht verbraucht wird, unsere Liebe, unsere Hoffnungen, unser Glauben, unser Handeln, unsere Ideale, unser Engagement.

Franz Langstein

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