09.06.2014

Predigt an Pfingsten A14



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Es sind nur ein paar Tage her, da wurde der 70. Wiederkehr der Landung der Alliierten in der Normandie gedacht. Es sollte ein Land von einer der schlimmsten Diktaturen befreit werden, die es je auf Erden gab. Das sogenannte Tausendjährige Reich, zusammen gehalten durch ein brutales Regime und der Gleichschaltung vieler Bürger und Institutionen. Nur so, unter vollkommener Gleichschaltung, war ein so brutales Regime zu installieren und Aufrecht zu erhalten. Das gilt übrigens für alle Diktaturen und totalitären Regime: Eine Partei, ein Gedankengut, eine Uniform, eine Sprache. Andersdenkende, nicht Angepasste, Menschen, die andere Sprache sprechen als die von der Diktatur vorgegebene, mussten, weil sie das Unterfangen störten, vernichtet werden. Ein Totalitarismus mit vollkommener Uniformität, vollkommener Gleichschaltung, der selben Sprache.


2. Und schon sind wir mitten in der Erzählung des Turmbaus von Babel, die wir vorhin hörten: „Alle Menschen hatten die gleiche Sprache und gebrauchten die gleichen Worte. Sie sagten zueinander: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen.“ Hier haben wir alle Merkmale eines totalitären Regimes. „Auf, bauen wir eine Stadt und einem Turm“. Einer befiehlt. Das tausendjährige Reich ist der Turm, der bis zum Himmel reichen soll und helfen soll, sich einen Namen zu machen. Und dazu dient die vollkommene Gleichschaltung der Menschen: Alle hatten die gleiche Sprache, ja, sie mussten die gleiche Sprache sprechen. Wer nicht mitmacht, stört das Unterfangen. Es darf keine Vielfalt geben. Vielfalt wird als störend empfunden. Die Einheit des Menschengeschlechtes durch die vielen Menschen wird aufgegeben zugunsten einer totalitären Uniformität. Nur so meinen einige, sich einen Namen machen zu müssen – auf Kosten anderer - und den Turm, der bis in den Himmel reicht, vollenden zu können.


3. Warum ist das so? Was ist mit uns Menschen los? Der Turmbau zu Babel ereignet sich ja immer wieder. Nicht nur in Diktaturen. Ein einheitliches Weltwirtschaftssystem diktiert mittlerweile die ganze Welt und zwingt Länder in die Armut und Verschuldung. Weltwirtschaft kennt keine Vielfalt. Dabei ist doch die Schöpfung ganz anders. Wenn wir uns in der Welt umblicken, stellen wir unschwer fest, dass Gott ein Freund unendlicher Vielfalt ist und somit ein Gegner jeder Uniformität. Ob wir die biologische Artenlehre heranziehen mit ihren fast unendlichen Untergruppierungen von Lebewesen, ob wir die unendliche kosmische Vielfalt an Sternen heranziehen, ob wir die je eigene und unverwechselbare Individualität eines jeden der vielen Milliarden Menschen heranziehen: Gott ist ein Freund großer Vielfalt, und er hat seine große Freude daran.


4. Die Geschichte vom Turmbau zu Babel berichtet uns, dass Gott diese Vielfalt wiederherstellte, indem er den Menschen verschiedene Sprachen gab, und damit verschiedene Kulturen und Identitäten. Der Mensch empfand diese Aktion Gottes als Strafe, als Bedrohung. Er verträgt die Vielfalt nicht. Er verträgt sie deshalb nicht, weil er in der Andersartigkeit des Mitmenschen nicht einen Segen und eine Bereicherung sieht, sondern ein In-Frage-gestellt-sein und damit eine Konkurrenz und Bedrohung. Das beste Beispiel sind jene jungen Neonazi-Horden, die ab und zu durch deutsche Großstädte ziehen, und die in jedem, der anders aussieht als sie selber, schon eine ernsthafte Bedrohung ihres Lebens sehen, der sie nur durch Zusammenrottung entkommen können. Das ist der Sündenfall des Menschen, dass er im Mitmenschen nicht den Bruder oder die Schwester sieht, sondern den Konkurrenten; dass er in einer Vielfalt nicht den Segen und die Bereicherung sieht, sondern eine Bedrohung. Deshalb wird die Sprachverwirrung durch Gott in unserer Geschichte als Strafe gedeutet, in Wahrheit ist sie Segen und schützt den Menschen vor dem Totalitarismus. Die gesegnete Vielfalt tut dem Menschen gut und verweist ihn in seine Grenzen.


5. Wie aber kommt der Mensch zurück aus dieser Sündenverfallenheit? Der Weg dorthin zurück kann nicht sein, dass wir jetzt einer idyllischen Pluralität huldigen, die sich in einem multikulturellen Mittagessen erschöpft. Es geht nicht um eine Toleranz, die den anderen so lässt, wie er ist, damit ich meine Ruhe habe.


6. Die Antwort auf diese Frage finden wir mit dem heutigen Festtag: Es ist ein neues Eingreifen Gottes nötig. Dieses Eingreifen Gottes ist unüberbietbar in Jesus Christus geschehen. Durch sein Leben und seine Botschaft ist deutlich geworden, wie Gott ist: „Gott ist die Liebe“. Und das hat Jesus durch sein Leben und seine Botschaft, vor allem durch seine Hingabe am Kreuz gezeigt. So ist durch Christus ein neuer Geist in diese Welt gekommen. „Aus meinem Innern werden Ströme von lebendigem Wasser fließen. Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben“. „Die an ihn glauben.“ Denn der Glaube blickt tiefer. Der Glaube ist das die Fähigkeit des Menschen, die uns selbst, den Mitmenschen, die ganze Schöpfung mit den Augen Gottes erblicken lässt. Und wenn ich mit den Augen Gottes auf die Welt schaue, erblicke ich in allen Menschen den Bruder und die Schwester, weil sie alle von Gott geliebt sind. Welch‘ eine Würde muss der Mensch haben, wenn er vom unendlichen Gott geliebt wird? Welch tiefe Bedeutung muss ein Mensch haben, wenn er zu Gott „Vaterunser“ beten darf? Und diese Würde ist der Einheitsgrund aller Menschen. Wir gehören zusammen, weil wir einen Gott und Schöpfer im Himmel haben. Und diese Einheit ist die Ermöglichung der Vielfalt. Wo diese Einheit verloren geht, wird entweder Vielfalt zur Bedrohung oder Vielfalt wird zur Willkür und damit zu einer teilnahmslosen Toleranz, die sich für den anderen nicht wirklich interessiert, in allein lässt in seiner Not – Hauptsache ich habe meine Ruhe. Nein, Pfingsten ist nicht nur die Geburtsstunde der Kirche; Pfingsten ist der Anfang einer neues Weltsicht, eines neuen Geistes, einer neuen Lebendigkeit, eines neuen Miteinanders, eines neuen Engagements für den Menschen in seiner Vielfalt.

Franz Langstein

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