06.07.2014

Predigt am 14. Sonntag im Jahreskreis A14

Mt 11,25-30


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Das heutige Evangelium führt uns zutiefst hinein in die Frage: „Wie steht der Mensch vor Gott? Wie habe ich vor Gott zu sein?“ Zu je verschiedenen Zeiten und bei den je verschiedenen Menschen wird diese Frage immer auch verschieden beantwortet. Martin Luther war vor seinem Turmerlebnis, das ihm zur Reform der Kirche animierte, getrieben von der Frage: „Wie finde ich einen gnädigen Gott?“ Es hatte Sorge und Angst, nicht im Wohlgefallen Gottes zu stehen. Er konnte nicht genug beten, beichten, wallfahren, um sich der Liebe Gottes gewiss zu werden. „Wie finde ich einen gnädigen Gott?“, diese Frage trieb ihn zu einem religiösen Aktivismus. Andere wiederum ertragen ihre Freiheit vor Gott nicht. Es fällt ihnen schwer, damit klar zu kommen, dass sie in freier Verantwortung vor Gott stehen und binden deshalb ihr Leben an das, was andere sagen, lehramtlich verkünden, kirchenrechtlich festgeschrieben haben. Gebote und Gesetze werden zum Wichtigsten im religiösen Leben. Zur Zeit Jesu waren es hauptsächlich die Pharisäer, die sich ganz an den vielen Geboten orientierten. Auch diese Haltung trieb die Pharisäer zu religiösen Höchstleistungen. Wiederum andere halten die Unbegreiflichkeit Gottes nicht aus. Dieser große unbekannte Wille über meinem Leben: Ich will ihn begreifen, will Gott begreifen, will wissen, was er will von mir, was ich tun soll, wie ich mir dies oder jenes erklären darf. Sie forschen über den Willen Gottes nach; versuchen in langen Gebetsnächten Gottes Willen auf sich herabzuzwingen; sie wollen Gott haben, erfahren, besitzen, wissen. Sie halten das Dunkel Gottes nicht aus. Auch so kann der Mensch vor Gott stehen – ängstlich, unfrei oder wissen wollend. Wie auch immer – diese Haltungen treiben den Menschen an zu höchstem religiösen Aktivismus. Er wir umgetrieben, sie empfinden ihre Gottesbeziehung als Last, als Joch, sind voller innerer Unruhe.


2. Und da sagt Jesus den schönen Satz: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“ Was für ein befreiendes Wort! Jesus bietet eine ganz andere Art von Gottesbeziehung an, eine Art von Gottesbeziehung, die den Menschen wirklich zutiefst zur Ruhe kommen lässt. „Nehmt mein Joch auf euch… Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht“. Darüber müssen wir nachdenken. Was ist denn diese so ganz andere Art der Gottesbeziehung? Was ist denn sein Joch, seine Last?


3. Was Jesus meint, finden wir gleich am Anfang des Evangeliums: „In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast“. Mit „Weisen und Klugen“ sind nicht die Gebildeten gemeint und mit „Unmündigen“ nicht die Dummen. Sondern mit „weise und klug“ und mit „unmündig“ sind Haltungen des Menschen vor Gott gemeint. Der „Weise und Kluge“ ist der, der über Gott Bescheid weiß, der Ihnen erklären kann, was Gott will, der sich auskennt, der Gott versteht, der sich selbst als besonders gut empfindet, weil er sich an alle Vorgaben hält, genau jene Aktivisten, die getrieben sind von ihrer Angst, von ihrer Unfähigkeit, das Dunkel Gottes anzunehmen, die jetzt Bescheid wissen. Alles ist für sie klar. Gott ist zu einem Gegenstand geworden, den sie klug erklären können, den sie besitzen, um den sie wissen. Das sind die selbsternannten „Weisen und Klugen“. Das permanente Reden über Gott ist ihr Markenzeichen. Die „Unmündigen“ dagegen sind die, die vor der Unbegreiflichkeit Gottes kapituliert haben. Sie stehen vor Gott mit leeren Händen; ehrfürchtig stehen sie vor seiner Unbegreiflichkeit und Heiligkeit. Oft ist ihnen Gott dunkel, verstehen ihn nicht, haben viel mehr Fragen als Antworten. Das Schweigen, die Stille, das Staunen ist ihr Markenzeichen. Vor Gott bin ich nichts anderes als unmündig.


4. So, und wenn ich so vor Gott sein darf, wenn ich das verinnerlicht habe, dass ich Gott nicht wissen muss, nicht haben muss, nicht wollen muss, dann komme ich innerlich zur Ruhe. Denn ich kann die Gottesbeziehung gar nicht herstellen. Noch so viele Aktivitäten wie bei Luther z.B. erreichen das nicht. Sondern Gott hat seine Beziehung zur mir hergestellt – in Jesus Christus. Durch die Menschwerdung Gottes ist Gott ein für allemal dem Menschen untrennbar verbunden. Und das unabhängig davon, ob ich mich Gott fern fühle, unwissend fühle, ungläubig vorkomme. Er ist trotzdem bei mir. Er macht seine Gegenwart nicht abhängig von meiner religiösen Leistung. Deshalb sagt Jesus: „Mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht“. Denn eurer Joch ist, dass ihr glaubt, vor Gott etwas leisten zu müssen, verdienen zu müssen, Sicherheiten zu erhalten, Gewissheit haben zu müssen. Mein Joch aber ist es, genau diese Unsicherheiten auszuhalten, das Unverdiente anzunehmen, offene Fragen nicht beantwortet zu haben, schlicht: einfach vertrauend dankbar zu sein.


5. Edith Stein hat das in ihren geistlichen Betrachtungen schön beschrieben. Sie sagt, dass seit der Menschenwerdung Gottes alles „anders geworden ist, als man sich nach Psalmen und Propheten die Herrschaft des Gottkönigs gedacht hat. Die Römer blieben die Herren im Lande, und Hohepriester und Schriftgelehrte hielten weiter das arme Volk unter ihrem Joch. Unsichtbar trug jeder, der dem Herrn angehörte, sein Himmelreich in sich. Seine irdische Bürde wurde ihm nicht abgenommen, ja sogar noch manche andere dazugelegt, aber was er in sich hatte, war eine beschwingte Kraft, die das Joch sanft machte und die Last leicht.“

Franz Langstein

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