05.10.2014

Predigt an Erntedank 2014



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Wenn wir heute Erntedank begehen und wenn wir dabei den herrlich geschmückten Altarraum mit den Erntegaben sehen, wenn wir also vor Augen gestellt bekommen, was an Schönem, Gutem, Wertvollem die Erde hervorbringt, und wenn wir dabei über das Wort „Erntedank“ nachdenken – also „Danksagen für die Ernte“ – dann kann in uns eine Ahnung hochsteigen davon, wie sehr diesem Fest neben der Dankbarkeit auch eine Freude innewohnt, eine Ausgelassenheit, ja eine Gelöstheit. Früheren Generationen oder in manchen Gegenden heute, ist diese Dankbarkeit und Freude durchaus noch gegenwärtig. Wenn nach der Aussaat, der Hege und Pflege, dem Bangen über ein gutes Wetter, der Mühe der Arbeit und der Mühe des Erntens dann endlich die Früchte der Erde, die Früchte des Mühens und Arbeitens eingefahren sind, wenn der Mensch endlich von dem genießen kann, was er selbst angebaut, gepflanzt, gesät, geerntet hat, dann ist das für ihn tatsächlich ein Fest der Freude. Erntedank – dem liegt also nicht nur eine Dankbarkeit zugrunde, sondern auch eine Freude, eine tiefe Freude. In vielen Kulturen ist Erntedank ein freudiges und fröhliches Fest. Die Früchte der Erde und des menschlichen Arbeit werden eingefahren. Der Mensch lebt davon; die Ernte gibt ihm Nahrung und Einkommen. Diese Freude und Dankbarkeit kommt also aus der Erfahrung der Verwiesenheit von Mensch und Natur. Gerade der in der Landwirtschaft tätige Mensch weiß, wie sehr er abhängig ist von der Natur, wie unmittelbar er mit ihr verbunden ist, wie sehr er der Natur auch die Ernte abringen muss durch Arbeit und Mühe. Erntedank als Fest des Dankes und der Freude kann deshalb in Gesellschaften und Kulturen, die stark abhängig sind vom Ackerbau und von der Landwirtschaft, viel besser verstanden werden als von uns Städtern. Und genau da aber hat das heutige Fest „Erntedank“ doch einen tiefen Sinn, ja gibt eine Korrektur.


2. Denn wir leben ja in einer Zeit, in der der Mensch sich mehr und mehr der Natur entfremdet hat. Er hat sie zum Objekt seines Zugriffs gemacht und zum Objekt der Ausbeutung. Diese unmittelbare Naturverbundenheit ist vielen fremd geworden. Ja, die Natur erscheint vielen fremd. Diese Erfahrung, dass die Natur Gutes zum Leben hervorbringt, und damit verbunden auch ein Stück Vertrauen in die Natur und in das Leben, ist so unmittelbar nicht mehr gegeben. Es hat eine Entfremdung stattgefunden zwischen Natur und Mensch. Und diese Entfremdung schlägt sich besonders dort nieder, wo der Mensch am unmittelbarsten mit der Natur in Berührung kommt: Im Essen und Trinken – in der Nahrungsaufnahme.


3. Ich habe vor kurzem eine Sendung im Fernsehen gesehen, in der es genau darum ging: Die Angst vor dem Essen. Die Angst vor der Nahrungsaufnahme. Es gibt Menschen, die trauen dem nicht mehr, was sie essen. Sie essen nur noch mit Angst und Sorge. Man isst nicht mehr mit Freude, nicht mehr mit Dank. Die Natur ist einem so entfremdet, dass man glaubt, im Essen und Trinken etwas Fremdes, Unbekanntes zu sich zu nehmen. Freilich hat dies auch seinen Grund in der industriellen Fertigung von Nahrungsmitteln, so dass der Mensch sich fragt: Was ist da eigentlich im Nahrungsmittel drinnen als chemische Zusätze, an Geschmacksverstärkern, Haltbarkeitsmachern, künstlichen Nahrungsmittelergänzungen usw.! Aber gerade dadurch wird die Entfremdung von Mensch und Natur nochmals verstärkt. Man traut der Natur nicht mehr; man muss die Lebensmittel künstlich verfeinern, geschmackvoller machen, ergänzen…


4. Und hier kommt nun das Erntedankfest daher als ein freudiges Fest, als ein Korrektiv. Leute, lasst euch das Essen und Trinken nicht vermiesen. Diese glückselige unmittelbare Verbundenheit mit der Natur, wie sie in der Nahrungsaufnahme unmittelbar erfahren wird. Jemand sagte einmal: „Es ist gesünder, eine Schweinshaxe mit Freude zu genießen, als einen Biosalat mit Argwohn und Grimm zu essen“. Erntedank ist so eine Erinnerung an jene Zeiten, als der Mensch noch der Natur vertraut hat und ihr noch nicht in diesem Maße entfremdet war. Natürlich steckt hinter all dem eine mächtige Lobby, die uns einzureden versucht, wie wir uns zu ernähren haben, was wir zu essen und zu trinken haben: Starkmacher, Schlankmacher, Fitmacher, Gesundmacher, Powermacher usw. Viele wollen am Essen und Trinken der Menschen verdienen mit allen möglichen Versprechungen. Viele fallen drauf rein.


5. Erntedank mit seiner fröhlichen Ausgelassenheit ist da wieder eine Korrektur, sich neu einzuüben in die Verbundenheit von Mensch und Natur, einzuüben in die vertrauensvolle Verlässlichkeit, welche guten Gaben die Erde doch hervorbringt. Aber nicht einfach: „Zurück zur Natur“, sondern „zurück zu einer Naturverbundenheit und einem Naturvertrauen“.


6. Nicht umsonst hat Jesus dieses Zeichen von Essen und Trinken als Symbol gewählt für die Verbundenheit Gottes mit den Menschen, wenn er diese immer wieder mit einem Hochzeitsmahl verglichen hat. Aber heute denken ja viele beim Hochzeitmahl gleich wieder an Kalorien und schädliches Essen, weil zu fett, und nehmen sich vor, nach einem Hochzeitsmahl drei Tage zu fasten. Nein, da kann keine Freude aufkommen, wenn Jesus die Ewigkeit mit einem ewigen Hochzeitsmahl vergleicht. Und nicht umsonst hat auch Jesus seine Verbundenheit mit dem Menschen durch ein alle Zeiten überdauerndes Zeichen gezeigt: Das Essen und Trinken am Altar.

Franz Langstein

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