05.03.2014

Predigt am Aschermittwoch A14

2 Kor 5,20 – 6,2


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Der Apostel Paulus hatte, so können wir immer wieder seinen Briefen entnehmen, ein Autoritätsproblem, was seine eigene Person angeht. Er war nicht mit Jesus zusammen und war nicht Zeuge der Auferstehung wie die anderen Jünger, wie Johannes, Matthäus, Petrus. Immer wieder muss daher Paulus seine eigene besondere Berufung betonen, um seine Autorität als Gesandter Gottes hervorzuheben. Und so schreibt Paulus in eindrücklicher Kurzform an die Korinther – wir haben es vorhin in der zweiten Lesung gehört: „Wir sind Gesandte an Christi Statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt.“ Das ist wohl die knappste und gleichzeitig treffendste Beschreibung eines Apostels: „Gesandte an Christi Statt“. Und worin besteht die Sendung? Sie besteht in der Mahnung: „Lasst euch mit Gott versöhnen“. Und damit ist auch der Inhalt dessen, was der Apostel zu sagen hat, genauso kurz umrissen. „Lasst euch mit Gott versöhnen“. Interessant ist die Formulierung: Also nicht: Versöhnt euch mit Gott, sondern lasst euch mit Gott versöhnen. Mit anderen Worten: Lasst es zu, dass sich Gott mit euch versöhnt hat. Wenn also Gott zuerst eine Versöhnungsinitiative gestartet hat, dann muss man fragen, worin hat sie bestanden? War sie überhaupt notwendig? Genau darüber möchte ich heute Abend am Beginn der Fastenzeit mit Ihnen ein wenig nachdenken:


2. Wenn also Gott zuerst eine Versöhnungsinitiative ergriffen hat und wenn es also dann darauf ankommt, diese Versöhnung an sich zuzulassen, muss man zuerst fragen: Wie hat Gott die Versöhnung initiiert? Und hier im Zweiten Korintherbrief steht nun ein Satz, der treffender und tiefer und bedeutsamer kaum sein könnte. Paulus schreibt also: „Lasst euch mit Gott versöhnen! Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden.“ Das ist die gesamten Erlösungslehre, auf knappsten Raum dargestellt. Ein schwerer Satz: „Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht.“


3. Zum besseren Verständnis müssen wir uns zunächst klar machen, was Sünde zuerst heißt: Sünde ist nicht zuerst die verkehrte Tat, sondern Sünde ist zuerst ein Zustand. Es ist der Zustand des Getrenntseins von Gott. Dieser Zustand ist das Gegenteil dessen, was am Anfang der Bibel das Paradies genannt wird. Das Paradies ist kein Ort, sondern der Zustand des Gottschauens, des Einsseins mit Gott. Aus diesem Zustand ist der Mensch – so berichtet uns die Bibel – herausgefallen und aus dem Paradies vertrieben. Er fristet sein Dasein in Gottferne. Die Bibel berichtet uns von den Folgen: Alles wird zur Mühsal: Die Beziehung der Geschlechter, die Arbeit, das Kinder gebären, weil alles außerhalb eines tieferen Sinnzusammenhangs geschieht, den der Mensch nur in Gott schauen kann. Bald nach der Paradiesvertreibung werden die Folgen deutlicher: Abel tötet Kain, die Menschen werden immer hochmütiger, es gibt weitere Tote. Es folgt der Turmbau zu Babel und die Sprachverwirrung. Keiner versteht den anderen. Schließlich bleibt nur die Sintflut als Bild einer radikale Selbstzerstörung des Bösen. Wir dürfen das nicht wörtlich oder historisch nehmen: Es sind Erzählungen, die die Konsequenz dessen schildern, was Getrenntsein von Gott heißt. Der Mensch am Abgrund, im Dunkeln, in Angst, in Gewalt und Zerstörung. Die Bibel schildert an vielen Stellen, besonders auch in den Psalmen, diesen Zustand der Sünde, des Getrenntseins von Gott. Wir müssen solche Schilderungen ernst nehmen. Die böse Tat, die sündige Tat, ist nicht das erste; sie ist die Folge der Sünde, die den Zustand des Getrenntseins von Gott meint. Die sündige Tat kommt aus der Dunkelheit des Herzens, aus dem Abgrund der Gottferne.


4. Und jetzt können wir uns dem Satz nähern: „Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht“. Wer kannte keine Sünde? Doch nur Gott. Gott war und ist nie von sich getrennt. Er kannte deshalb keine Sünde. Um aber zu denen zu gelangen, die in Sünde waren, also im Gottgetrenntsein waren, muss er selbst in das Gottgetrenntsein hinabsteigen, also selbst Sünde werden. Mit allen Folgen. Und das ist jetzt nur noch trinitarisch aufzulösen, also von der Dreieinigkeit Gottes her zu verstehen: Gott selbst, der keine Sünde kannte, ist in Jesus so hinabgestiegen, dass er selbst in den Zustand der Sünde kam, also Sünde wurde, Gottgetrenntsein wurde. Was sich auf Golgota abgespielt hat, ist die bestialische, die dunkle, die verzweifelte Form des Gottgetrenntseins. Hier hinein ist Christus eingetaucht. In die tiefsten Folgen des Gottgetrenntseins. „Er hat ihn zur Sünde gemacht“. Die Ereignisse auf Golgota schildern die Gottverlassenheit und Dunkelheit bis an die Schmerzgrenze gehend: „Von der sechsten Stunde bis zur neunten Stunde kam eine große Finsternis über das Land“. „Jesus rief mit lauter Stimme: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“. Die Felsen zerbrachen, die Erde bebte. Gott ist hinabgestiegen in die Gottesferne, - paradox - , aber in Christus geschehen. Gott hat sich in Christus so sehr mit der Gottesferne solidarisiert, dass er selbst „Gottesferne“ wurde: Er hat ihn zur Sünde gemacht.


5. Und in dem Augenblick geschieht etwas: Auch das wird auf Golgota bereits angedeutet, aber erst in der Auferstehung und vor allem in der Geistsendung ganz offenbar. Beim Sterben Christi heißt es, dass währenddessen der Vorhang im Tempel zerriss. Der Tempel verbarg das Allerheiligsten vor den im Tempel Versammelten. Der Vorhang markiert die Trennung von Gott und Mensch. Diese Trennung ist nun aufgehoben. Der Vorhang zerriss von oben bis unten entzwei. Gott und Mensch sind wieder miteinander versöhnt, weil Gott in unsere Gottesferne hinabstieg. Es gibt keinen Punkt unserer Existenz, an dem wir sagen könnten: Gott ist fern. Gefühlmäßig ja, aber nicht auf Gott bezogen.


6. Und nun kehrt Paulus zurück zur Aufgabe eines Apostels. „Als Mitarbeiter Gottes ermahne ich euch, dass ihr seine Gnade nicht vergebens empfangt.“ Nehmen wir uns das am Beginn der Fastenzeit zu Herzen. Die Fastenzeit ist ja bewusst als Zeit auf Karfreitag und Ostern hin angesetzt. „Lasst euch mit Gott versöhnen“, d.h. nicht wir werden uns mit Gott zu versöhnen haben, sondern wir werden es zulassen lernen, dass sich Gott bereits mit uns versöhnt hat. Wir sind unterwegs auf das Versöhnungsereignis, auf Karfreitag und Ostern. Das heißt die christliche Fastenzeit hat überhaupt nur unter diesem Aspekt des Versöhntseins einen Sinn. Wie nämlich muss mein Leben aussehen, dass ich ganz und gar mit Gott versöhnt bin; und dass ich deshalb auch schon in der Tiefe der Existenz mit mir selbst versöhnt bin und dass ich auch in tiefer solidarischer Geschwisterlichkeit mit meinen Mitmenschen versöhnt bin?

Franz Langstein

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