01.11.2014

Predigt an Allerheiligen 2014



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Vor einiger Zeit hatten wir, das heißt unsere Priester-WG, beim Frühstück ein Meinungsaustausch über die Frage, ob Gott in unsere Zeit, in den Ablauf der Geschichte, eingreift. Aufgeworfen wurde die Frage auf dem Hintergrund der schlimmen Ereignisse in Syrien und im Irak, vor allem angesichts der verfolgten Christen und anderer Gruppierungen. Greift Gott ein in die Geschichte? Kann er so eingreifen, dass dem Terror ein Ende bereitet wird? Oder ganz allgemein: Greift Gott ein in die Geschicke der Welt? Es geht also um die Frage, wie wir uns Gott denken können, an ihnen glauben können. Theologisch gesprochen um die Frage nach dem Deismus oder dem Theismus. Der Deismus behauptet, dass Gott zwar am Anfang der Schöpfung steht, aber dann nicht mehr in die Schöpfung eingreift, sondern sie ihrer freien Entwicklung überlässt. Im Gegensatz dazu glaubt der Theismus nicht nur an den Schöpfungsakt Gottes, sondern auch weiterhin an ein schöpferisches Wirken Gottes in der Geschichte. Wenn wir aber annehmen, dass Gott tatsächlich wirkmächtig eingreift in die Geschichte, dann wirft das mehrere Fragen auf: Warum geschieht das dann nicht öfter, also z.B. in Syrien? Woran kann man das Wirken Gottes denn überhaupt festmachen, dass man wirklich sagen kann: Da hat Gott gehandelt? Und wie verhält es sich dann mit unserer Freiheit? Ist die Freiheit des Menschen und der Geschichte noch gewahrt, wenn Gott eingreift? Darüber also haben wir uns beim Frühstück unterhalten.


2. Natürlich werden wir gleich aus der Bibel Beispiele aufführen können, die zeigen, dass Gott tatsächlich in die Geschichte eingegriffen hat: Denken wir an die Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten. Oder denken wir an die Erwählung des Apostels Paulus, durch den das Christentum aus dem Nischendasein in die Welt hineinkam. Oder denken wir – ganz einzigartig -, dass Gott in Jesus Mensch geworden ist und so Geschichte verändert hat und das Christentum entstanden ist. Wir könnten aus der Bibel bestimmt noch mehrere Beispiele anführen, die von einem wirkmächtigen Eingreifen Gottes berichten. „Ja“, so könnte man jetzt zurecht einwerfen, „das war ja damals, aber heute? Wo greift denn Gott heute wirkmächtig und nachweisbar ein?“ War der Zusammenbruch der DDR ein Eingreifen Gottes oder einfach nur der zwangsläufige Zusammenbruch eines maroden Staates? Es gibt welche, die behaupten, dass die Millionen von Rosenkränzen, die für die Bekehrung Russlands gebetet wurden, den Zusammenbruch des Warschauer Paktes verursacht habe. Andere lächeln darüber nur ein wenig und sagen, warum denn Gott dann so lange hat auf sich warten lassen, bis dieses unmenschliche System zusammenbricht und warum Gott erst Millionen von Rosenkränzen braucht. Man kann es drehen und wenden wie man will – die Frage bleibt: Greift Gott heute spürbar, erfahrbar, nachweisbar in die Geschichte ein?


3. Kommen wir noch einmal zurück auf die biblischen Berichte vom Eingreifen Gottes, und schauen wir da mal genauer hin. Wir werden dann sehr schnell feststellen, dass Gott nicht einfach so eingreift, sondern dass er immer Menschen erwählt, durch die er wirkt. Gott erwacht sozusagen im Menschen und dieses Erwachen Gottes hat zur Folge, dass dieser von Gott ergriffene Mensch - davon bewegt -, nun handelt, wirkt, nicht zur Ruhe kommt. Gott hat Moses erwählt. Und durch Mose hat er Israel befreit. Er hat Abraham erwählt, die Propheten, die Frauen Judith und Esra: Und durch sie hat er gehandelt. Er hat Paulus erwählt, die Apostel, und hat durch sie gehandelt. Ja, man könnte fast sagen, ja man muss es vielleicht sogar sagen: Gott handelt in der Welt wirkmächtig, aber nicht in einer Art aufblitzender Erscheinung, sondern immer durch Menschen, in denen seine treibende Kraft, sein Heiliger Geist, lebendig ist und wirkmächtig wird. So bekommt auch unser Glaube „Gott ist Mensch geworden“ eine ganz tiefe Begründung: Gott kann gar nicht anders als Mensch werden, um in seiner Schöpfung wirkmächtig zu handeln.


4. Und in diesem Zusammenhang von Bild und Aufschrift wird die Antwort klar. Die Münze trägt Bild und Aufschrift des Kaisers. Also gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist. Was aber Bild und Handschrift Gottes trägt, das gebt Gott. Und das ist der Mensch. Er ist Ebenbild und Geschöpft Gottes. Der Mensch trägt Gottes Bild in sich und das menschliche Leben trägt Gottes Handschrift. Gebt also die Münze dem Kaiser, weil sie sein Bild trägt; aber gebt euch selbst Gott, weil ihr Gottes Bild in euch tragt.


5. Vielleicht können wir jetzt tatsächlich die Frage beantworten, ob Gott in die Geschichte wirkmächtig eingreift. Ja, er tut es durch Menschen, in denen sein Geist lebendig ist. Dabei müssten diejenigen, die in seinem Geist handeln, oftmals gar nicht wissen, dass sie in seinem Geist handeln. Sie tun Gutes, nehmen Anteil an den Sorgen dieser Welt, handeln… und sie tun es, vielleicht ohne zu wissen, dass in ihrem Handeln Gottes Güte und Liebe zum Vorschein kommt. Gott kann sich also ganz zurücknehmen, weil es ihn nicht um sich selbst geht, nicht darum geht, angebetet zu werden, sondern ihn geht es um das Heil der Menschen und der Welt. Gott kann sich ganz zurücknehmen, auch weil es ihn um die Freiheit der Menschen geht, die er nicht beeinflussen will. Gott ist so sehr im Menschen gegenwärtig, ja er ist so sehr Menschen geworden, dass man immer meinen könnte: Die Menschen handeln, in Wahrheit aber handelt Gott, ganz unauffällig. Deshalb tun wir uns so schwer, das Handeln Gottes dingfest zu machen. War es also nun ein Handeln Gottes, dass vor 25 Jahren die DDR-Mauer fiel und ein unmenschliches System zusammenbrach? Vielleicht muss man tatsächlich so antworten: Die Mauer fiel ja nicht durch eine direkte Erscheinung Gottes, aber sie fiel, weil Menschen – beseelt vom Geist der Freiheit, vom Geist der Gerechtigkeit und somit immer auch vom Heiligen Geist – ob wissentlich oder unwissentlich -, den Mut hatten, für Veränderung auf die Straße zu gehen. Allerheiligen erinnert uns also daran, dass Gott wirkt in dieser Welt, durch die Heiligen, durch Menschen, durch uns.


6. Deshalb ist an dem Gebet aus dem 14. Jahrhundert auch etwas Wahres dran:


Christus hat keine Hände,
nur unsere Hände,
um seine Arbeit heute zu tun.
Er hat keine Füße,
nur unsere Füße,
um Menschen auf
seinen Weg zu führen.
Christus hat keine Lippen,
nur unsere Lippen,
um Menschen von
ihm zu erzählen.
Er hat keine Hilfe,
nur unsere Hilfe,
um Menschen an
seine Seite zu bringen.



Gebet aus dem 14. Jahrhundert

Franz Langstein

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Samstag 17.30 h Vorabendmesse alle 2. Wochen in St. Jakobus, Wenkbach
Sonntag 11.00 h Heilige Messe
Sonntag 11.00 h Kinderwortgottesdienst im Kirchensälchen, am 2. und 4. Sonntag im Monat (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).


(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
Donnerstag 9.45 h Heilige Messe im APH St. Elisabeth, Lahnstraße 8 (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
Freitag 18.30 h Heilige Messe