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Predigt am 22. Sonntag im Jahreskreis C10
29.09.2010
Liebe Schwestern und Brüder!
1. „Wenn du also eingeladen bist, setz dich lieber, wenn du hinkommst, auf den untersten Platz.“ Das einer der Sätze der Heiligen Schrift, der gerade in katholisch ländlichen Bereich sehr ernst genommen wird. Man muss dort nur einmal einen Gottesdienst besuchen. Aber es ist ja in der Tat nicht immer einfach: Wenn man irgendwo eingeladen ist, auf einer Hochzeit z.B.: Wo setze ich mich hin? Zu weit vorn? Das geht da irgendwie nach Verwandtschafts-graden. Könnte peinlich werden. Oder aber Sie sind selbst Gastgeber und richten die Hochzeit aus uns wollen Tischkarten für die Geladenen erstellen. Wen setzt man mit wem zusammen? Wo werden die Leute platziert? Das kann gefährlich werden. Es sei denn, man hat das Selbstbewusstsein eines Bismarck. Der erste Reichskanzler war einmal eingeladen und geriet aus welchen Gründen auch immer auf einen der hinteren Plätze, obgleich ganz oben für ihn der Platz reserviert war. Eine vornehme Dame ging auf Bismarck zu und meinte, sich bei ihm entschuldigen zu müssen und wollte ihn bitten, doch nach oben zu gehen, auf den für ihn zugedachten Platz. Bismarck gab zur Antwort: „Seien Sie unbesorgt, Gnädigste! Wo ich sitze, ist immer oben!“
2. Freilich, wenn man der erste Mann im Staat ist und es bis nach ganz oben geschafft hat, kann man so etwas leicht sagen. Und trotzdem hat der Satz Bismarcks eine tiefere Bedeutung, so als wollte damit sagen: „Egal, wo immer ich sitze, es ändert nichts an der Tatsache, dass ich Reichskanzler bin, also oben bin“. Mit anderen Worten: Der, der ich wirklich bin, hängt nicht davon ab, wo ich sitze. Und damit sind wir schon näher an das Evangelium herangerückt Die Gefahr bei uns Menschen ist groß, nach außen mehr sein zu wollen als man tatsächlich ist. Sich nur keine Blöße geben, keinen Fehler eingestehen, keine Schwäche zeigen. Das alles sind gesellschaftliche Zwänge, und ruckzuck wird man nach unten durchgereicht. Darf ich der sein, der ich bin? Oder muss ich nicht ständig schauspielern? Oder wie Jesus sagt: „Muss ich mich nicht ständig selbst erhöhen, weil es die Gesellschaft so verlangt?“ Um so tiefer kann der Fall sein. Man kann das Evangelium tatsächlich auch so verstehen: Finde Deinen Platz, der dir entspricht. Dann wirst du dich wohlfühlen. Lerne, zu dir zu stehen, dich anzunehmen, mit deinen guten aber auch defizitären Seiten. Denn kaum etwas macht den Menschen mehr krank, ein anderer sein zu müssen als man tatsächlich ist. Welche Zwänge erfahren oft schon junge Mädchen, wie sie auszusehen haben. Das ist mitunter wirklich krankmachend. Dieses Selbstbewusstsein des Bismarck also: Es spielt keine Rolle, wo ich sitze, es ist nur wichtig, wer ich wirklich bin.
3. Aber man kann das eben Gesagte noch ein wenig vertiefen und ein zweites aus dem Evangelium herauslesen. Und zwar im Zusammenhang mit der ersten Lesung aus dem Buch der Sprichwörter: „Für die Wunde des Übermütigen gibt es keine Heilung, denn ein giftiges Kraut hat in ihm seine Wurzeln.“ Hier ist also von Gift und von einer Wunde die Rede. Das ist -.glaube ich - so eine Wunde unserer Zeit, dass manche Menschen nicht selbstbewusst genug sind, zu sich zu stehen. Warum sonst haben solche Fernsehsendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“, „Deutschland sucht das Supermodel“ oder ähnliches so hohe Einschaltquoten gerade bei jungen Leuten? Weil hier eine Sehnsucht und ein Traum in greifbare Nähe rückt: Superstar zu werden, Supermodel zu werden. Der Traum nach einen Platz ganz vorne. Weg von dem alten Platz, der einem zu weit unten vorkommt. Man möchte allzu gern das eigene Minderwertigkeitsgefühl los werden. Und genau das ist die Wunde, das ist das Gift: Das Minderwertigkeitsgefühl. Ich bin nicht zufrieden mit mir selbst, ich will einen Platz ganz oben. Und das Minderwertigkeitsgefühl treibt mich an, mich notfalls vor einer ganzen Nation im Fernsehen zum Deppen zu machen. „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt.“ Dieter Bohlen kann das sehr gut, Menschen vor laufender Kamera zu erniedrigen. Auf der anderen Seite: Da sind ja auch manchmal Trottel, die da vorsingen. Dass die es überhaupt wagen! „Der Gastgeber könnte dann zu dir sagen: Mach diesen hier Platz. Du wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen.“
4. Aber natürlich hat dieses Evangelium auch eine tiefe religiöse Bedeutung. Jesus blickt ja sozusagen mit den Augen Gottes auf den Menschen und sieht das Gerangel um die besten Plätze. Und wenn wir uns mit den Augen Gottes anschauen, dann bekommt das Evangelium einen tiefen geistlichen Sinn. Denn dann müssen wir von uns selbst erst einmal feststellen: Wir sind geschöpflich, irdisch, nicht absolut, Unterliegen den Gesetzmäßigkeiten von Veränderung, Werden und Vergehen. In Relation zu Gott also fällt uns dann auf, dass wir eben nicht Gott sind, nicht ewig, nicht unverwundbar, nicht fehlerfrei. In Relation zu Gott haben wir nicht den obersten Platz, sondern den Platz des Irdischen, eher einen unteren Platz. Gott allein ist oben. Wir müssen erst einmal diese unsere Geschöpflichkeit, unsere menschliche Bedingtheit annehmen. Das ist nicht leicht. Es gibt genügend, die sich gleich Gott wähnen. Unverwüstlich. Die PS-Stärke ihres Autos ist dann das Maß ihrer Göttlichkeit. Und der Reichtum wird zum Maßstab ihrer Selbstherrlichkeit. „Wer sich selbst erhöht“, wird irgendwann einmal um so schmerzhafter spüren, dass er sich getäuscht hat. Wir sind nicht Gott. Ganz brutal war es beim 1000jährigen Reich. Nach 12 Jahren war es vom obersten Platz auf den tiefsten Punkt gefallen und dabei regelrecht zerschmettert worden. Aber jetzt kommt der tiefe religiöse Sinn des Evangeliums: „Wenn du also eingeladen bist, setz dich lieber auf den untersten Platz“, mit anderen Worten: Nimm deine Geschöpflichkeit an. „Dann wird der Gastgeber zu dir kommen und sagen: Mein Freund, rück weiter hinauf“. Mit anderen Worten: Gott selbst wird mir in meiner Geschöpflichkeit entgegenkommen und mich mit seiner Göttlichkeit beschenken.
5. Und zuletzt fordert Jesus den Gastgeber auf, bei dem er zu essen war: „Wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein.“ Genau so ist es. Weil diese Menschen, die damals gesellschaftlich wirklich ganz unten waren, uns daran erinnern, dass wir Gott gegenüber alle unten sind. Es gibt keine Grund zur Selbstüberheblichkeit. Manchmal stelle ich mir unsere Gesellschaft vor wie ein Saal voller Tischgruppen. Jeder hat seinen Platz am Tisch mit Seinesgleichen. Da die Reichen, da die Wohnhäuser der sozial Schwächeren, da ein Künstlerviertel, da ein in sich abgeschlossenes katholisches Milieu und da ein Arbeiterviertel. Jeder hat seinen Platz unter sich. Die einen weiter oben, die anderen weiter unten. Das funktioniert irgendwie - noch. Aber es ist ein Trugschluss. Vor Gott sind wir alle gleich in unserer Geschöpflichkeit, alle erlösungsbedürftig. Deshalb auch: „Lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein“. Durchbrich diese Mauern einer Sitzordnung, die nur auf Einbildung beruht, auf Selbstüberheblichkeiten und Minderwertigkeitskomplexen. Die Kirche Gottes jedenfalls darf nicht in sich diese Tischordnung abbilden. Sie ist der Ort einer Gemeinschaft von Menschen, die sich von Gott zuerst eingeladen wissen und die Worte hören dürfen: „Mein Freund, komm, rücker höher hinauf!“ Rück hinauf auf den Platz der Gotteskindschaft.