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28.02.2010

Predigt am 2. Fastensonntag C10

Lk 9,28b-36

 

      Liebe Schwestern und Brüder!

1.   Wir wissen, das die Evangelien, die wir jeden Sonntag hier hören, immer nur ein Abschnitt aus einem Gesamtevangelium darstellen. Deshalb ist es zum rechten Verständnis auch unerlässlich,  den Kontext herzustellen, in dem das Gehörte vorkommt. Aber für das heute gehörte Evangelium gilt dies in besonderer Weise. Schon auch deshalb, weil die Erzählung von dem Geschehen auf dem Berg die Mitte des Lukas-Evangeliums darstellt, ist es wichtig, kurz darauf einzugehen, was vorher war und was noch kommen wird. Denn tatsächlich ist dieses heute gehörte Evangelium in gewisser Weise Mitte und Mittelpunkt im Leben Jesu.

 

2.   Jesus war sich in der Taufe am Jordan und seines Fastens und den Versuchungen in der Wüste seiner Aufgabe bewusst  geworden. Er scharte Jünger um sich, die ihm folgten. Wohin folgten? Mitten hinein in das Leben, in das, was Menschen bewegt, wo Menschen waren, gerade da, wo Gottferne herrschte, Gotteszweifel. So wurde Jesus konfrontiert mit viel Leid seiner Zeit: da waren die Menschen, die als besessen galten; dunkle Mächte und Kräfte im Menschen, für die die Bibel das Wort „Dämonen“ verwendet; Jesus erlebt Menschen in tiefem Leid und Einsamkeit. Gelähmte werden zu ihm gebracht, Blinde, Stumme und Menschen, die an allerlei Krankheiten litten, damals eben auch meist verbunden mit tiefer Armut. Jesus muss aber auch spüren, wie sehr das Denken seiner Zeit die Menschen gefangen nimmt. So werden Sünder ausgegrenzt, verstoßen und für unrein erklärt. Einem Zöllner namens Levi holt er heraus aus dieser Aufgabe, die in den Augen der Pharisäer als Sünde galt, und gibt ihm wieder Anerkennung. Auch einem heidnischen Hauptmann hilft er, indem er seinen unheilbar kranken Knecht heilt. Und es formiert sich so langsam aber sicher ein immer größerer Widerstand gegen ihn. Jesus nimmt den Menschen in den Blickpunkt seiner Aufmerksamkeit, weniger die gesellschaftlichen Konventionen. So beginnt er immer mehr auch von einem bevorstehenden Leiden zu sprechen. All das ist die Situation vor dem heutigen Evangelium, wie sie uns von Lukas geschildert wird: Die Konfrontation mit dem Leid der Menschen, dem Jesus nicht ausweicht, im Gegenteil. Eine große Liebe, ein großes Erbarmen gilt ihnen. Jesus gibt, er gibt viel. Man könnte heute neudeutsch fragen: Warum ist Jesus nicht ausgepowert, leer?

 

3.   Und was ist nach dem heutigen Evangelium bei Lukas zu lesen. Die Atmosphäre hat sich geändert. Der Schwung des Anfangs, die vielen Heilungen, das kommt nur noch selten vor. Der zweite Teil des Evangeliums ist erfüllt von der Auseinandersetzung mit den Pharisäern, Schriftgelehrten, mit den Traditionen seiner Zeit. Die Fronten werden verhärteter, die Widerstand größer. Immer mehr steigt das Kreuz über dem Horizont empor und wird schließlich nicht nur eine Möglichkeit, sondern eine Realität. Diese Gesamtkonzeption des Evangeliums müssen wir unbedingt vor Augen halten, um nun das heutige Evangelium richtig zu verstehen. 

 

4.   Denn ihm kommt eine außergewöhnliche Stellung zu. Geht es vorher um viel Leiderfahrung unter den Menschen, geht es nachher um den immer größeren Widerstand gegen Jesus bis hin zum leidvollen Kreuzestod, so steht hier doch ein ganz anderes Evangelium: Das Evangelium vom Aufleuchten der Herrlichkeit Christi. Es ist so abgehoben, so anders, dass der Ort des Geschehens, nämlich „ein Berg“, nicht treffender sein kann. Und die Einsamkeit nicht treffender sein kann; Jesus nimmt nämlich nur drei seiner Jünger mit. Sie sollen Zeugen sein und sie sind die Adressaten der Stimme aus dem Himmel: „Das ist mein auserwählter Sohn auf ihn sollt ihr hören“. Man könnte fast anfügen: in all dem Leid, das ihr mit Jesus erfahren habt und noch mit ihm erfahren werdet, verzweifelt nicht: Er ist mein Sohn, auf ihn sollt ihr hören. Freilich, spätestens am Kreuz wird sie die Verzweiflung packen und sie werden die Flucht ergreifen. Das war dann wohl doch zuviel.

     

5.   Und spätestens hier sind wir doch auch irgendwie schon bei uns angekommen. Wir brauchen doch heute im Medienzeitalter nur das Fernsehen einschalten, Zeitungen lesen, und wir werden konfrontiert mit vielen Leid unter den Menschen. Erst vor nicht allzu langer Zeit hat uns das Erdbeben auf Haiti aufgewühlt. Und so manche müssen gar nicht in die weite Welt blicken, sie haben Leid in unmittelbarer Nähe erfahren. Und manche erfahren Widerstand, kommen mit dem Leben nicht zurecht. Aber mitten in diesem unserem Leben, wie immer es sein mag, voll des Glaubens oder des Zweifels, der Hoffnung oder Angst, des Glücks oder des Leids, mitten darin ist uns gesagt: „Das ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören“. Dabei geht es uns gar nicht mal besser als die Jünger, eher im Gegenteil: Denn wir sind nicht mit auf dem Berg, wir sind eher wie die anderen unten geblieben: Wir müssen uns das aus der Entfernung, aus ferner Vergangenheit sagen lassen. Das macht es manchmal schwerer.

 

6.   Nein, wir sind nicht mit auf den Berg gestiegen; aber wir haben doch auch Zeichen, Symbole, die uns mitten in unserem Leben aufhorchen lassen, lauschen lassen, sensibel werden lassen für eine größere Wirklichkeit als die, die wir erfahren. Auch uns wurde in der Taufe ein weißes Kleid übergelegt, so wie es von Jesus heißt, dass ein Gewand strahlend weiß wurde. Auch uns wird doch in Brot und Wein eine Gotteskindschaft zugesagt, so wie es eben auch von Jesus heißt: „Das ist mein geliebter Sohn“. Und auch wir steigen manchmal auf einen Berg des Glücks und der Gottseligkeit, auf den wir freilich nicht bleiben, selbst wenn wir wie Petrus Hütten bauen möchten. All das sind Momente wie bei Jesus, wo wir spüren: Es gibt in unserem Leben noch etwas ganz Anderes, Göttliches, Ewiges, Unzerstörbares. Und so, wie das Evangelium mitten im Lukasevangelium steht, so steht dieses Ewige und Göttliche auch und manchmal trotz allem mitten in unserem Leben.

             


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