31.05.2009
Predigt an Pfingsten B 2009
Liebe Schwestern und Brüder!
1. Ich erinnere mich noch an eine Situation in meiner Jugend: Ich gehörte damals einem Gebetskreis für Jugendliche an. Irgendwie war das für mich schön und wichtig, sich mit anderen Jugendlichen über religiöse Fragen auszutauschen. Und nach dem Gespräch gingen wir dann immer ins Beten über. Und einige, die konnten das so richtig gut. Mir fiel das freie Formulieren von Gebeten sehr schwer, und deshalb habe ich auch meistens geschwiegen. Irgendwie war ich auch immer neidisch auf die anderen, die scheinbar so geisterfüllt, manchmal mit frommer Stimmlage, beten konnten. Und wenn dann einige sogar nachher regelrecht schwärmten, wie sehr sie jetzt wieder vom Heiligen Geist erfüllt waren, so hatte ich dann doch manchmal meine Zweifel an mir selbst. Denn ganz offensichtlich zeigte sich der Heilige Geist bei mir nicht. Ich gehörte wohl nicht zu den geistbegabten Leuten. Ich wurde an diese meine Gebetskreiserfahrungen wieder erinnert, als ich neulich mal zufällig an der lutherischen Pfarrkirche vorbeikam. Der Christustreffgottesdienst war gerade zu Ende und da standen ein paar Jugendliche, und eine von ihnen sagt laut und deutlich: „Ich bin wieder so richtig erfüllt vom Heiligen Geist“. Ich dachte mir sofort: Diese Redensarten kommen mir bekannt vor.
2. Ja, so ist zu fragen: Was sind Erfahrungen des Heiligen Geistes? Heute feiern wir Pfingsten. Da ist die Rede von mächtiger Erfahrung: Sturm und Feuer als Bilder dieser Erfahrung. Ich glaube, viele Christen tun sich schwer mit diesen Bildern: Erfahren wir wirklich den Heiligen Geist in unserem Leben so, dass wir diese Erfahrung mit Bildern von Sturm und Feuer beschreiben würden? Haben wir den Heiligen Geist in uns? Und – was heißt das eigentlich? Und wie macht sich das bemerkbar? Ist das so ein punktuelles Gebetserlebnis: „Oh, ich bin erfüllt vom Heiligen Geist?“ Mehr nicht? Was ist außerhalb solcher Gebetserlebnisse? Abwesenheit des Geistes?
3. Wir können die Fragen noch weiterführen und vertiefen. Ja, wir müssen es sogar, um hier mehr Klarheit rein zu bekommen. Manche meinen, den Heiligen Geist gefunden zu haben, wo sie Klarheit im Glauben haben. Könnte es nicht sein, dass sei in Wirklichkeit den bohrenden Zweifel, der dem Glauben innewohnt, nicht ertragen können? Manche meinen, der Heilige Geist sagt mir, was ich tun soll. Könnte es nicht sein, dass sie in Wirklichkeit ihre Unfähigkeit kaschieren wollen, selbstverantwortliche Entscheidungen zu treffen? Manche reden vom Kommen des Heiligen Geistes. Meinen Sie vielleicht damit die Profilierung ihrer eigenen Weltanschauung? Manche reden vom Heiligen Geist als den Geist der Freiheit. Ergreifen sie damit nicht Partei für Ungebundensein und Willkür oder suchen damit die Bestätigung ihres eigenen Tuns? Manche meinen den Heiligen Geist dort zu finden, wo innere Freude herrscht. Scheuen Sie in Wirklichkeit die Mühe, die es kostet, mit den Notleidenden zu leiden und den Trauernden zu weinen? Was meinen einige, die sagen, sie haben den Heiligen Geist?
4. Sturm und Feuer. Sturm und Feuer sind erst einmal Bilder großer Kraft und Stärke. Und da muss man genau hinschauen. Wo braucht es denn die Kraft und die Stärke?
Da stehen die Jünger auf, treten vor das Volk und bekennen sich freimütig und öffentlich zu Christus, den Gekreuzigten. Sie erwarten keinen Lohn, keinen Jubel, riskieren Schimpf und Schande.
Vielleicht einige Beispiele aus unserer Zeit: Geist Gottes als Sturm und Kraft
▪ Da gibt es jemanden, dessen Leben anders verlaufen ist als er sich das immer vorgestellt hat. Die Lebenszeit scheint ihm zerronnen zu sein ohne dass er rückblickend etwas Sinnvolles darin erblicken konnte. Aber in einem tiefen inneren Akt des Vertrauens und der Hoffnung überlässt er Gott sein Leben, der auch dort noch ernten kann, wo er nicht gesät hat.
▪ Da lebt ein Mensch unversöhnlich mit anderen. Doch statt Abneigung oder Hass gelingt es immer wieder, Brücken zu bauen, Versöhnung zu versuchen, Verzeihung zu schenken, ohne dass dies gelohnt wird.
▪ Jemand versucht in wichtigen Fragen des Lebens Klarheit zu bekommen. Er bittet Gott um diese Klarheit. Doch von Gott her kommt nur Schweigen. Und doch wird der Mensch an diesem Schweigen nicht irre und vertraut weiterhin.
▪ Da ist jemand, dessen Glauben zerbröselt ist. Gott ist weg. Dunkel, entzogen, ins Nichts aufgelöst. Und doch geht er weiter seinen Weg als Christ.
▪ Da ist jemand, der viel Liebe, Mühe, Sorge schenkt und Verantwortung auf sich nimmt. Es wird nicht erkannt, es wird ihm nicht gedankt. Er verzichtet zugunsten anderer, ohne dass diese es merken. Und doch hält er fest an dieser Lebenseinstellung und an seiner Art der Nächstenliebe.
▪ Und da ist einer, dessen Leben zu Ende geht. Und der nichts spürt von Gottes Liebe und dessen Herz voll Zweifel ist. Und der doch in der Stunde des Todes sagen kann: „Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist.“