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09.04.2009
Predigt am Gründonnerstag B09
Liebe Schwestern und Brüder!
1. Wenn ich unsere heutige Zeit in Ihrer Gottesfrage und vielleicht auch Gottessehnsucht richtig deute, so meine ich festzustellen, dass sich hier im Vergleich zu früheren Zeiten Grundlegendes geändert hat. Früher war der Mensch beseelt von der Frage nach der Barmherzigkeit Gottes, nach der Vergebung Gottes. „Bin ich ohne Schuld, damit ich in den Himmel komme und wenn ich nicht ohne Schuld bin, finde ich Gnade bei Gott?“ Luther konnte noch die Frage stellen: „Wie finde ich einen gnädigen Gott?“ und daraus die Antwort ableiten von der Rechtfertigung des Menschen allein durch die Gnade. Diese Frage, wie der Mensch einen gnädigen Gott findet, ob er gerechtfertigt ist, ob er Erbarmen findet, ist heute nicht mehr die wichtigste Frage, wenn sie denn überhaupt noch eine Frage ist. Die Menschen fragen heute viel grundlegender: Gibt es Gott überhaupt? Wie kann man sich Gott denken? Ist er in der Welt präsent und wie ist er erfahrbar? Es geht also heute nicht mehr um die Barmherzigkeit Gottes, sondern um die Existenz Gottes selbst und seiner Erfahrbarkeit.
Und hier stellen wir oft
Widersprüchliches fest: Einerseits wird Gott mehr und mehr aus der
Öffentlichkeit verbannt, ihm allenfalls eine private Nische zuerkannt,
ansonsten aber hat er in der Gesellschaft nichts zu suchen. Kreuze wurden aus
Schulen und öffentlichen Gebäuden entfernt, der Religionsunterricht in Berlin
wurde abgeschafft, die Kirchen immer wieder lächerlich gemacht, kurz: Wir
spüren einerseits eine große Verdrängung der Gottesfrage, andererseits aber, wenn
dann Schicksale über Menschen kommen, wie bei dem Amoklauf in Winnenden, dann
steht da ein junger Mann mit der Aufschrift: „Gott, wo warst du?“ Man mag
durchaus diese Frage ernst nehmen als Gottessehnsucht, aber welches Recht hat
eine Gesellschaft, die Abwesenheit Gottes zu beklagen, wenn sie selbst diese
Abwesenheit verursacht hat? Man kann Gott nicht abschaffen und ihn
nachher für die Abschaffung anklagen. Es ist da doch viel
Widersprüchliches: Einerseits die Sehnsucht nach Gott, die Frage nach seiner Existenz
und Erfahrbarkeit, andererseits die Verdrängung Gottes bis hin zu seiner
Abschaffung. Kaum einer anderer hat diese Widersprüchlichkeit so tief und
schmerzhaft empfunden und nachvollzogen wie Friedrich Nietzsche. Ich zitiere
aus „Fröhliche Wissenschaft“ den berühmte Aphorismus 125, der die Überschrift
trägt: „Der tolle Mensch“:
2. „Wohin ist Gott?
rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, – ihr und ich! Wir alle
sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer
auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was
taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie
sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht
fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es
noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts?
Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht
immerfort die Nacht und mehr Nacht? […] Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die
Mörder aller Mörder?“
3. Und heute feiern wir
Gründonnerstag und lassen uns zurückversetzen in den Abendmahlssaal. Und es sind
hier so viele Parallelen zur heutigen Zeit, ja, diese ganze Widersprüchlichkeit
der Neuzeit scheint hier anwesend zu sein, so dass diese
Abendmahlsgeschehen eine ganz neue Relevanz für uns Heutige bekommt. Für die
Jünger war deutlich geworden, dass in Jesus auf einzigartige Weise Gottes
Gegenwart aufgestrahlt ist; ja, dass in ihm Gott selbst anwesend war, am Wirken
war, erfahrbar war. Christus war der Ort der Gegenwart Gottes und seiner
Erfahrbarkeit. Aber jetzt wird dieser Ort der Erfahrbarkeit Gottes weggenommen,
gewaltsam beseitigt, getötet. Jetzt wird die ganz und gar neuzeitliche Frage
aktuell: Wie können wir an Gottes Gegenwart glauben? Kann es Gott, der durch
den Tod seines Sohnes sich doch als abwesend gezeigt hat, überhaupt geben? Es
geht im Abendmahlsgeschehen tatsächlich um die bleibende Präsenz und
Erfahrbarkeit Gottes in unserer Mitte. Also tatsächlich um die ganz und gar
neuzeitliche Frage nach seiner Gegenwart.
4. Und diese Frage wird
durch Zeichen beantwortet. Einmal die Fußwaschung und später, was uns Johannes
nicht berichtet, die Einsetzung des heiligen Sakramentes, die Gabe von Brot und
Wein als Leib und Blut Christi. Beide gehören zusammen und haben vor allen eins
gemeinsam: Es sind ganz und gar materielle Zeichen. Die Fußwaschung ist
Berührung, Kontaktaufnahme, Dienst am Leib; und die Zeichen Brot und Wein sind
materielle Gaben, Nahrungsaufnahme. Materielle Dinge deshalb, weil Gott sich
ein für alle Mal so durch die Menschwerdung in seine Schöpfung inkarniert hat,
dass geschöpfliche Dinge nun selbst zu Zeichen seiner Gegenwart werden. Und das
für uns, weil wir als Geschöpfe ja auf geschöpfliche Dinge angewiesen sind.
Erfahrungen sind für uns immer gebunden an Geschöpfliches, sei es durch
Menschen, Ereignisse oder Dinge. Wir müssen die menschliche Konstitution ganz
ernst nehmen, weil Gott sie ernst genommen hat. Er kam uns in unserer
Leiblichkeit entgegen.
5. Und das bedeutet:
Fußwaschung: Wo immer Menschen – im Bild gesprochen – die Füße waschen, wird in
dieser Liebe Gott erfahrbar. Der Mensch handelt nie nur sozial, er handelt
immer auch sakramental. Seine Liebe und Güte spiegelt die Liebe und Güte Gottes
wieder. Und wo immer Menschen sich zum Brotbrechen versammeln und aus dem Kelch
trinken, wird in diesen schlichten Gesten Christus selbst unter uns
gegenwärtig. Wie erfahren wir Gott? Indem wir radikal die Leiblichkeit ernst
nehmen als sakramentale Orte der Gegenwart Christi.
6. Und das ist vielleicht das Problem, dass wir Gott entweder zu sehr geistig denken, unerfahrbar, unnahbar, abstrakt und die materiellen Orte seiner Erfahrbarkeit in ihren sakramentalen Verdichtungen nicht mehr ernst nehmen. Oder aber, dass der Mensch Gott erfahren möchte auf dem Weg von Machterweisen. „Gott, wo bist du gewesen? Warum hast du das zugelassen?“ So verständlich solche Klagen sind, oft liegt ihnen ein Verständnis eines außerhalb der Welt schwebenden Gottes vor, der durch Macht sich erweisen muss, damit die Menschen an ihn glauben können. Beides funktioniert seit der Inkarnation Gottes durch Jesus Christus nicht mehr. Gott ist viel immanenter, viel mehr im Materiellen sakramental erfahrbarer, viel näher. Der Mensch muss diese Nähe nur wieder zulassen. Das musste auch Petrus im Abendmahlssaal lernen: „Niemals sollst du mir die Füße waschen“. Es ist doch schwer zu verstehen, dass ein Gott sich so sehr herablässt, um bei uns zu sein.
Franz Langstein
10.04.2009
Predigt am Karfreitag B09
Liebe Schwestern und Brüder!
1. Es gibt vieles, was in der Erzählung über das Leiden und Sterben Christi unmittelbar anrührt und berührt. Etwas, was alljährlich mich berührt – und ich denke, es wird vielen von Ihnen ähnlich ergehen – ist jedes Mal die Rolle des Petrus, die abrupt endet mit der Feststellung: „Und gleich darauf krähte ein Hahn“. Von nun an verschwindet Petrus aus der Passionserzählung. Der Hahn hat die Verleugnung angezeigt und so – als Verleugner - verabschiedet sich Petrus. „Ich kenne diesen Menschen nicht“. Und gleich darauf krähte ein Hahn.
2. „Ausgerechnet Petrus“, so ist man geneigt zu sagen. Ausgerechnet Petrus, der doch immer auf der Seite seines Meisters stand, der für ihn seine Familie und seinen Beruf aufgegeben hat, der noch im Abendmahlssaal gesagt hat: „Und wenn alle dich verleugnen, ich nicht“ und „auch wenn ich mit dir sterben müsste, ich verleugne dich nicht“.
3. Was ist da eigentlich passiert? Es greift viel zu kurz und wird dem Petrus nicht im Geringsten gerecht, wenn wir das übliche Erklärungsmuster herbeiziehen: „Petrus hatte Angst. Er wollte seine eigene Haut retten.“. Das ist nicht richtig. Petrus hatte keine Angst. Er hat ja selbst noch beteuert: „Und wenn ich mit dir sterben müsste, ich verleugne dich nicht.“ Und das hat er nicht einfach so gesagt, das hat er auch gemeint. Und er hat es auch gleich in die Tat umgesetzt: Als Jesus verhaftet wurde, heißt es hier: „Simon Petrus aber, der ein Schwert bei sich hatte, zog es, schlug nach dem Diener des Hohenpriesters und hieb ihm das rechte Ohr ab.“ Jetzt, in der Stunde der Verhaftung Jesu, war Petrus bereit und er schreitet zur Tat. Er wollte kämpfen für seinen Meister. Er wollte ihn da raushauen, auch auf die Gefahr hin, selbst umzukommen. Nein, nein, Petrus hatte keine Angst. Es muss etwas viel Tragischeres passiert sein, als dass man einfach sagen könnte: Petrus habe Angst gehabt. Das wird schon deutlich durch folgende Beobachtung: Hier, bei der Verhaftung war Petrus sogar bereit, der Soldateska des Hohenpriesters Paroli zu bieten. Wenig später wird eine Frau, die im damaligen Kulturkreis kein Zeugnisrecht hatte und deren Aussagen nicht viel bedeuteten, dazu noch: Diese Frau war eine Magd, und ausgerechnet in dieser harmlosen Form nähert sich die Gefahr: „Du bist doch auch einer von seinen Jüngern.“. Was also ist da passiert, dass Petrus eben noch gegenüber den Soldaten sich klar zu Jesus bekennt, während er bei der Magd leugnet, ihn zu kennen?
4. Die Antwort gibt uns Petrus selbst. Bei den anderen Evangelisten heißt es an dieser Stelle. Petrus sagte: „Ich kenne diesen Menschen nicht.“ Petrus kennt diesen Jesus nicht mehr. Ich glaube nicht einmal, dass Petrus hier gelogen hat; es ist seine persönliche Tragödie und ganz schmerzhafte Erfahrung. Petrus hat Jesus kennen gelernt als den neuen Messias. Alle Hoffnungen richtete er auf ihm. Für ihn verließ er alles und folgte ihm. Jesus war für Petrus von großer Bedeutung. Petrus sah, wie sich Jesus einsetzte für die Armen, die Schuldigen, die Kranken, die Besessenen. Er hörte seine Worte von einer besseren Welt, vom Reich Gottes. Er sah, wie Jesus gegen die religiösen Führer und Verführer predigte. Jesus hielt sich nicht an den Sabbat, weil der Mensch im Mittelpunkt stand. Jesus scheute den Konflikt nicht. Irgendwann kommt die Stunde der Entscheidung. Und jetzt war sie da: Jetzt galt es zu kämpfen. Jetzt kommt es drauf an: Verleugnung ist nur was für Weicheier. „Und wenn ich mit dir sterben werde, ich verleugne dich nie.“ Und so begann er zu kämpfen. Er zog sein Schwert, um Jesus vor der Verhaftung zu retten. Und dann kommt die alles vernichtende Antwort Jesu: „Steck das Schwert in die Scheide! Der Kelch, den mir der Vater gegeben hat – soll ich ihn nicht trinken?“ Kein Kampf, keine Entscheidung, kein Reich Gottes, sondern ab jetzt nur noch Ohnmacht, Ausgeliefertsein, Spott, Hohn, Folter, Grausamkeit, Kreuzigung und Tod. Petrus konnte es nicht verstehen, dass jetzt alles umsonst gewesen sein sollte. Während die anderen Jünger schon längst das Weite gesucht hatten, ist es Petrus, der sich Zugang verschafft in den Hof des hohenpriesterlichen Palastes. Er kann es nicht glauben, was sich hier ereignet. Er hofft vielleicht immer noch auf eine Wende. Aber sie kommt nicht. Nein, sie wird nicht kommen. Stattdessen kommt eine Magd: „Bist du nicht auch einer von seiner Jüngern.“. „Nein.“ „Ich kenne diesen Menschen nicht.“ Und das stimmt. Diesen Jesus kennt Petrus nicht. Für diesen hat er nicht alles verlassen. Diesem ist er nicht nachgefolgt. Diesem, der nun den Kreuzweg geht, wäre er auch nicht gefolgt. Wer folgt schon freiwillig jemanden, an dessen Ende die Niederlage des Kreuzes steht. So verlässt Petrus endgültig den Hof des hohenpriesterlichen Palastes und damit die Nähe zu Jesus. „Gleich darauf krähte ein Hahn“. In den anderen Evangelien heißt es dann noch: „Und er ging hinaus und weinte bitterlich.“. Wir müssen über den Sinn dieser Tränen nicht lange spekulieren: Es ist abgrundtiefe Enttäuschung. Eine Beziehung, eine Freundschaft, eine Hoffnung ist zerbrochen. Jesus war ihm nach all den Jahren des Zusammenseins vollkommen fremd geworden. Später, nach der Auferstehung, wird Jesus den Petrus dreimal fragen: „Liebst du mich?“ Es ist die einzig angemessene Frage, weil sie die Beziehung wieder herstellt.
5. Warum berührt viele - und auch mich – diese Verleugnung so sehr? Weil die Erfahrung dieses Petrus die Erfahrung vieler Menschen ist. Wie viele treten aus der Kirche aus, wie viele verlieren ihren Glauben an Gott und beginnen zu zweifeln, mit genau dem Satz des Petrus: „Ich kenne ihn nicht“. Eine Kirche, die Erfolg hat, eine triumphierende Kirche, die wir gern im Lied „Ein Haus voll Glorie schauet“ besingen und ein Gott, auf den ich zählen kann, ein Gott, der zu kämpfen bereit ist, ja, dazu kann ich leicht ja sagen. Aber was ist, wenn es für die Kirche heißt, den Kreuzweg der Missachtung, der Bedeutungslosigkeit zu gehen? Und was ist, wenn man immer wieder sagt: „Gott, wo bist du, warum hilfst du nicht“, wenn also der Weg des Kreuzes gegangen werden muss, der Weg der Ohnmacht? Dann ist die Gefahr groß, wie Petrus zu sagen: „Ich kenne diesen Gott nicht mehr“. Und dann zerbricht eine Gottesbeziehung. Und gebe es Gott, dass er uns wie bei Petrus eine zweite Chance gibt und fragt: „Liebst du mich?“ Liebst du mich auch im Kreuz, im Untergang, im Tod? Es ist schwer, darauf zu antworten. Weil das Kreuz nicht ins Konzept unseres Lebens passt. Und wir können dem auch nicht einen Sinn abgewinnen, wir nicht und Petrus nicht. Wir müssen da wohl noch drei Tage warten.
Franz Langstein
11.04.2009
Predigt in der Osternacht B09
Mk 16,1-8 (!)
Liebe Schwestern und Brüder!
1. Was haben wir in dieser Nacht für eine wunderbare, schlichte Ostererzählung aus dem Markusevangelium. Hier ist die Rede von Frauen, die unterwegs sind zum Grab, um Jesus durch eine Salbung zum letzten Mal zu ehren und um Verbundenheit zum Ausdruck zu bringen. Natürlich sind nur Frauen unterwegs, weil die Männer ja alle geflohen waren und überhaupt gar nicht wussten, wo Jesus beigesetzt war. Die Rede ist davon, dass das Grab mit einem schweren und großen Stein versiegelt war. Und die Frauen fragten unterwegs: „Wer wird uns den Stein vom Grab wegwälzen?“ Spätestens hier wendet sich die Erzählung ins Bildhafte: Die Frauen, die mit der Salbung eine letztes Zeichen der Verehrung, ein letztes Zeichen der Verbundenheit setzen wollen, spüren: Es geht nicht mehr. Der Tod hat die Verbundenheit zerstört. Die Beziehung ist abgebrochen. Nichts wird mehr so sein, wie es einmal war. Wie ein Stein, den niemand wegwälzen kann, steht der Tod zwischen den Verstorbenen und den Lebenden. Es ist alles aus. Das Leben ist tot wie ein Stein. Und dann kommt das wunderbare Ostergeschehen in den Blick. Der Stein ist weggewälzt, das Grab auf die Ewigkeit hin geöffnet, der Engel verkündet die Botschaft von der Auferstehung und gibt den Auftrag an die Frauen, die Osterbotschaft den Jüngern weiterzuerzählen.
2. Bis dahin ist alles o.k., schön, wundersam, und für unsere christlichen Ohren auch sehr vertraut. Aber jetzt folgt da doch Irritierendes, Verstörendes. Es ist die Reaktion der Frauen. Es heißt: „Da erschraken sie sehr.“ Und nachdem der Engel ihnen den Auftrag erteilt hatte, zu den Jüngern zu gehen, kommt der merkwürdige Schluss des Markusevangeliums, der leider in der Leseordnung immer unterschlagen wird, obwohl er eindeutig dazugehört und entscheidend ist: „Da verließen sie das Grab und flohen, denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemand etwas davon, denn sie fürchteten sich“.
3. Wie ist diese Reaktion zu deuten. Einmal: die Osterbotschaft ist so unerhört neu, so quer zu unseren Gewohnheiten von der Vergänglichkeit des Lebens, so von Bedeutung auch für unsere irdischen Tage, dass die erste Reaktion eigentlich nicht die Osterfreude ist, wie wir das so gewohnt sind, sondern das Erschrecken und Entsetzen. „Ja, wenn es so um mein Leben bestellt ist, dass es auf die Ewigkeit hin geöffnet ist, was bedeutet das dann auch für mein irdisches Dasein?“ Erschrecken und Entsetzen ist deshalb die erste Reaktion; die vorschnelle Rede von der Osterfreude greift insofern zu kurz, weil vielen Menschen sowieso die Sehnsucht nach ewigem Leben fehlt. Es fehlt an Freude, weil es einem egal ist, ob man ewig lebt. Das hat schon Reinhold Schneider in seinen Reisenotizen „Winter in Wien“ angemerkt, als er einer Osterpredigt beiwohnte und feststellte, dass es niemanden interessierte: Wie kann man, so fragte er, von der Osterfreude reden, wenn die Sehnsucht nach ewigem Leben abhanden gekommen ist? Deshalb muss die Osterbotschaft heute so verkündet werden, dass sie nicht bedeutet, „Du hast ewiges Leben“, sondern dass diese Botschaft bedeutet: „Gesetzt den Fall, du würdest ewig bei Gott leben, welche Relevanz hätte das dann für das irdische Leben?“ Wir wissen das von Menschen, die knapp dem Tod entronnen sind oder die Nahtoderfahrungen hatten: Ihre Reaktionen waren nicht Freude, sondern Entsetzen und Erschrecken. Nicht wenige von ihnen haben ihr Leben radikal verändert. Das also ist das erste: Die Osterbotschaft sendet ein Licht auf unser irdisches Leben: „Sie kamen in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging.“ Erst dann, wenn mein irdisches Leben von der Auferstehungshoffnung erleuchtet und geprägt ist, stellt sich Freude ein.
4. Aber es ist noch ein zweites an diesem Markusschluss verstörend: „Und sie sagten niemand etwas davon, denn sie fürchteten sich“. Die Furcht ist verständlich. Einmal politisch: Die Römer und die Hohenpriester und ihre Gefolgsleute dürften an dieser Botschaft kein Interesse gehabt haben. Für die Frauen wäre es eine gefährliche Botschaft geworden. Aber wie soll die Osterbotschaft die Menschen erreichen, wenn die Frauen aus Furcht schweigen; und warum schließt das Markusevangelium mit dem Schweigen? Es ist eine Provokation. Der gläubige Leser soll verstört werden. Spürt er die Gefahr? Spürt er den Verlust, wenn diese Botschaft verschwiegen wird? Fühlt er sich selbst in Pflicht genommen, diese Botschaft weiterzusagen, wenn die Frauen schon schweigen? Wie steht es um uns? Ist diese Botschaft von solcher Relevanz für unser irdisches Leben, dass sie es positiv prägt, befreiend wirkt und dass diese Botschaft eine Heilsbotschaft für die Welt ist? Der gläubige Leser wird hier mit diesem verstörenden Schluss mit Fragen entlassen. Und das ist gut so. Ostern nimmt man nicht einfach zur Kenntnis, sondern Ostern ist das Thema eines ganzen Lebens.
Franz Langstein
12.04.2009
Predigt Ostern am Tag 2009
Liebe Schwestern und Brüder!
1. Ich habe vor kurzem einen Artikel gelesen, der davon handelte, wie in manchen Großstädten, so in London z.B., atheistischen Vereinigungen Aufschriften an Bussen angebracht haben, die für den Atheismus werben. So lautet ein Spruch: „Mach dir keine sorgen, es gibt wahrscheinlich keinen Gott.“ Immerhin: Der Atheismus scheint – wenig auch negativ – die Gottesfrage neu ins Bewusstsein zu heben. Ich finde überhaupt die Atheismusdebatte ungemein spannend. Von verschiedensten Ansätzen her wird versucht, Gott als nichtexistent zu erweisen.
2. Ein Ansatz ist der strenge Materialismus. Es wird behauptet, die Grundlage, ja das Prinzip des Lebens ist die Materie. Es gibt nichts Geistiges, erst recht nichts Geistliches. Das Geistliche gilt als Wahnvorstellung. Geistiges wie Hoffnung, Selbstbewusstsein, Freiheit sind nur Produkte des Materiellen, also eines hoch komplexen Gehirns. Die Freiheit z.B. sei bloß ein vorgegaukeltes Ergebnis eines Gehirnprozesses, der vorher schon das Handeln festlegt, so dass es keine Freiheit gibt. So behaupten einige Hirnforscher in aller Freiheit. Oder das Glaubenkönnen sei nur eine Frage der Gehirnaktivität. Soll das bedeuten: Es fehlt einigen an Gehirnmasse? Also kurz: Alles Geistige wird als Geistiges geleugnet und auf materialistische Grundlagen zurückgeführt. Alles, was den Menschen als Materiehaufen übersteigt, wird geleugnet. Oder noch kürzer gefasst: Es gibt nichts Transzendentes, also nichts, was den Menschen übersteigt und nichts, woraufhin der Mensch sich übersteigen könnte. Denn all das, was doch für einen Materiehaufen namens Mensch höchst staunenswert ist, wie Glaube, Hoffnung, Liebe, Freiheit, Selbstbewusstsein usw. ist rein materiellen Ursprungs.
3. Schwierig wird es nun aber beim Begriff der Menschenwürde. Wie kann man das materialistisch begründen? Welche andere Würde käme dem Materiehaufen Mensch zu als die, die nicht auch schon die Materiehaufen Stein oder Seife hätten? Spätestens hier wird es problematisch. Denn der Begriff der Menschenwürde übersteigt den Menschen, ist also ein transzendenter Begriff. Und wenn die Menschenwürde – wie im Materialismus geschehen – keine Begründung mehr hat, weil alles Transzendente geleugnet wird, dann muss man sich nicht wundern, wenn gerade die atheistischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts die Menschenwürde aufs Grausamste mit Füßen getreten haben.
4. Nein, es hat keinen Sinn, den Menschen auf das rein Materielle zu reduzieren. Es spricht zu viel dagegen. Glaube, Hoffnung, Liebe, Freiheit, Menschenwürde, Verantwortung, Gerechtigkeitssehnsucht und Friedenswunsch, Religion, Gott usw. übersteigen die rein materielle Basis des Staubkörnchens Mensch und machen den Menschen zu einem geistigen und auch geistlichem Wesen.
5. Und heute Nacht feiern wir Ostern. Die Auferstehung von den Toten. Oder nochmals provozierender ausgedrückt: Die Auferstehung des Fleisches, carnis resurrectiónem, also die radikale Transzendenz alles Materiellen.. Der Mensch übersteigt das Materielle bei weitem. Also feiern wir heute Nacht die Krönung des Menschen mit der Aussage von der Auferstehung der Toten Die Rede von der Menschenwürde ist nicht Einbildung, Produkt unseres Gehirns, sondern hat seinen tiefen Grund in der geistlichen Dimension menschlicher Existenz. Und Gottesglaube ist nicht Wahnvorstellung oder Einbildung, sondern grundlegende Gnade Gottes und damit Fähigkeit des Menschen und Menschenwürde hat ihren Grund: Gott hat sich mit den Menschen verbunden und ihn in der Auferstehung mit göttlichem, daher ewigem Leben gekrönt. Ostern ist das Fest einer ungeahnten Größe und Würde des Menschen.
Franz Langstein