11.10.2009

 

Predigt am 28. Sonntag im Jahreskreis B09

Mk 10,17-30

 

 

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

1.   „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ Diese Frage aus dem Mund eines jungen Mannes eröffnete das heutige Evangelium. Und es ist eine Frage, die damals bis in die Neuzeit hinein viele Menschen umtrieb. Die Sorge der Menschen galt und gilt immer dem eigenen Leben. In einer Zeit aber, in der Not, Krankheit, Tod ständige Begleiter des Lebens waren, in einer Zeit, in der die durchschnittliche Lebenserwartung viel geringer war als heute, in einer Zeit, in der die ärztlichen Möglichkeiten, ein Leben zu verlängern, doch sehr begrenzt waren, galt die Sorge der Menschen notwendiger Weise dem Leben danach, weil von diesem Leben hier auf Erden realistischerweise nicht viel zu erhoffen war. Erst in der heutigen Zeit bezieht sich die gleiche Frage auf das irdische Leben: „Was muss ich tun, um jung zu bleiben?“ Und dann sieht man 50jährige Frauen, die wie Mädchen rumlaufen und 60jährige Männer, die immer noch und überall rumturteln.  Diese beiden Fragen: „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen“ und „was muss ich tun, um jung zu bleiben“ bewegen sich letztlich auf derselben Ebene, nämlich auf der Ebene der Sorge um das eigene Leben. Beide Fragen kreisen um das eigene Leben. Beide Fragen offenbaren die Angst um sich selbst, beide fragen nach Sicherheit: „Was muss ich tun“. Man könnte sich höchstens fragen, welche der beiden Fragen wohl sinnvoller ist: Nach dem ewigen Leben zu fragen oder nach dem ewigen Jungbrunnen.

 

2.   Aber Jesus lässt sich auf solche Spielchen erst gar nicht ein. Er weiß, dass von der Frage um  das Leben, sei um das ewige Leben oder sei es die Frage um den ewigen Jungbrunnen, eine Gefährdung des menschlichen Lebens ausgeht. Er gibt dem jungen Mann kein Rezept in die Hand, wie er Sicherheit über den Besitz des ewigen Lebens bekommen könnte, sondern er konfrontiert ihn mit seiner Angst. „Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und  du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben“. Da ging er traurig weg, denn er hatte ein großes Vermögen. Da ist sie wieder, diese übertriebene Sorge um sich selbst. „Er hatte ein großes Vermögen angesammelt“. Wir haben es ja gerade im Evangelium gehört. Wenn wir diesen Menschen einmal charakterisieren wollten, - so wie er uns im Evangelium vorgestellt wird -, dann müssen wir feststellen, dass es jemand war, der sich in jeder Hinsicht absichern möchte,  und zwar für Zeit und Ewigkeit. Für die Ewigkeit will er sich absichern, indem er von Jesus wissen will, was er tun muss, um das ewige Leben zu gewinnen. Für die Zeit hat er sich bereits abgesichert, denn es heißt weiter unten im Evangelium, dass der Mann ein großes Vermögen hatte. Der Mann ist randvoll mit Vermögen und religiösen Leistungsbilanzen.

 

3.   Das sind die Gefährdungen des Lebens, wenn die Sorge um das eigene Leben überhand nimmt. Sei es, dass man übermäßig große Vermögen hortet, sei es, dass man in der Sorge um das ewige Leben religiöse Marathonleistungen absolviert, als ob man sich das verdienen könnte, was Gottes ist, sei es, dass man dem Trug unterliegt, sich gegen das Älterwerden absichern zu können. Solche Gefährdungen des Lebens in einem übertriebenen Absicherungsdenken kann man nur offenlegen und man kann nur radikal dagegen vorgehen. Gleichzeitig aber ist diese Radikalität der Weg der Heilung.

 

4.   Jesus geht deshalb sehr radikal vor: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“. Dieser junge Mann, der zu Jesus mit der Frage kam, „was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ war ja in doppelter Hinsicht reich. Er hatte nicht nur ein großes Vermögen, er war auch religiös reich, da er von sich behaupten konnte: „Alle Gebote habe ich von Jugend an befolgt“. Aber eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als dass ein solcher Reicher in das Reich Gottes kommt. Diese radikale Aussage Jesu hat man einmal dadurch abzumildern versucht, indem man mit „Nadelöhr“ die Bezeichnung eines kleines Türchen am Jerusalemer Stadttor auszumachen meinte, durch das keine Kamele passen. Oder indem man einfach sagte: Jesus wolle mit der Widersprüchlichkeit vom Durchgang eines Kamels durch ein Nadelöhr die Unmöglichkeit für einen Reichen aufzeigen, in das Reich Gottes zu kommen. Ja, was denn sonst. Und doch aber viel mehr. Wenn in der Radikalität der Aussage Jesu schon der Anfang eines Heilungsweges aufgezeigt wird für Menschen, deren Leben durch angstvolles Sorgen um sich selbst gefährdet ist, dann muss diese Aussage vom Kamel und Nadelöhr auch so als Heilungsangebot verstanden werden. 

 

5.   Nadelöhr, das ist ein winziges Loch. Da geht fast nichts durch. Und in diesem Sinn des „Nichts“ will ich das mal deuten, so wie Meister Eckhart von der Vernichtigung spricht. Der Mensch muss nichts werden vor Gott, um alles zu werden durch Gott. Solange sich der Mensch vor Gott gebärdet, als könne er selbst wie Gott sein, sei es, dass er meint, durch eigene Kraft das ewige Leben zu verdienen oder sei es, dass er in der Illusion eines großen  Vermögens meint, ihm könne nichts mehr passieren, solange der Mensch sich gebärdet und aufbläht, passt er nicht durch das Nadelöhr. Der Mensch muss von der Aufblähung seines Selbsts weg zur Erkenntnis des Nichts vor Gott. Aber indem  er seine Nichtigkeit vor Gott erkennt, wird er alles vor Gott, weil ihn Gott dann mit allem beschenken kann. Auch mit dem ewigen Leben, ohne dass der Mensch dann etwas dazu tun müsste. Erst indem der Mensch nichts wird vor Gott, wird er alles durch Gott. Deswegen kann Gott niemanden beschenken, der meint, er sei aus selbstherrlicher Vollmacht auf Gott nicht angewiesen. Das gilt übrigens nicht nur für materiell sehr reiche Leute, das gilt auch für so manchen Frommen, der randvoll ist mit geistlichen Frömmigkeitsübungen,  dass er Gottes Gnade gar nicht mehr bräuchte. Nein, da geht eher ein Kamel durch ein Nadelöhr… Gott kann nur den beschenken, der vorher Nichts geworden ist, der sich seiner Bedürftigkeit vor Gott radikal bewusst ist, der vor Gott nichts mehr vorweisen kann. Mutter Teresa, die Mutter der Armen in Kalkutta, hat dies radikal an sich erfahren, als sie schrieb: „Man muss durch diesen finsteren Tunnel gewandert sein, um seine Dunkelheit zu begreifen. Nur wenn wir unser Nichts, unsere Leere, wahrnehmen, kann Gott uns mit Sich Selbst erfüllen. Gott kann nicht füllen, was schon voll ist. Er kann nur füllen, was leer ist. Wenn wir voll von Gott geworden sind, dann können wir Gott anderen Menschen geben.“.

Franz Langstein