31.01.2010

 

Predigt am 04. Sonntag im Jahreskreis C10

1 Kor 13, 1ff

      Liebe Schwestern und Brüder!

 

1.   In der heutigen zweiten Lesung hörten wir wohl einen der bekanntesten Texte der heiligen Schrift, das Hohelied der Liebe. Bekannt deshalb, weil es wohl der beliebteste Hochzeitstext überhaupt  ist. Wenn ich also in Engelszungen redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts anderes als eine lärmende Pauke. Wenn also Männer tausendmal in Engelszungen ihren Frauen erklären, wie wichtig sie doch seien, liebten sie aber nicht, ist alles Gerede wie eine lärmende Pauke. So oder so ähnlich wird diese schöne Stelle im Korintherbrief dann bei Hochzeiten ausgelegt. Schade, kann man nur sagen, dass dieser schöne Text zum Hochzeitstext stilisiert worden ist. Schon allein die Vorstellung: Da fährt das Hochzeitspaar mit einer weißen Kutsche vor die Kirche oder der Vater bringt die Braut zu dem am Altar schmachtenden Bräutigam, der Pfarrer hat sich im Altarraum mit dem Buschmesser durch das Blumenmeer gekämpft, und nun erklingt Paulus: Wenn ich in Engelszungen redete, hätte aber die Liebe nicht…. Nee, das kann es ja wohl nicht sein. Entschuldigung, wenn ich das jetzt mal etwas karikiert habe. Ich will damit verdeutlichen, dass dieser Text im Gesamtzusammenhang des Korintherbriefes als Hochzeitstext untauglich ist; ja vielmehr, dass dieser Text als Hochzeitstext seine ganze Aussage, Sprengkraft und Bedeutung verliert. Er wird verharmlost, verniedlicht, unverbindlich. Dabei ist dieser Text hart, deutlich, mahnend und warnend.

 

2.   Was ist der Grund, warum Paulus diesen Text geschrieben hat.  Paulus hatte im Jahr 54  in Korinth eine Gemeinde gegründet. Nachdem er Korinth wieder verlassen hatte, entstand dort sozusagen ein Vakuum. Ein Autoritätsvakuum. Paulus, diese starke Führungs- und Leitungsgestalt war weg, und schon drängten andere in die Rolle. Paulus, der in Ephesus, auf der anderen Seite des Ägäischen Meeres, weilte, erfuhr von Streitereien, Spaltungen, Machtgerangel in Korinth. Aber das ist nicht  das erste Mal. Die Gemeinden, die Paulus gründete, hatten oft ein Leitungs- und Führungsproblem. Warum? Weil  Paulus auf ein ganz anderes Gemeindekonzept setzte. Als stärksten Ausdruck dieses Konzeptes haben wir am letzten Sonntag die Lesung gehört von dem einen Leib und die vielen Glieder. Jedes Glied hat seine eigene Aufgabe, ja sein eigenes von Gott gegebenes Charisma. Und diese Fähigkeiten muss der einzelne einbringen für das Ganze, zum Aufbau der Gemeinde. Charismen hat man nicht für sich, sondern für andere. Die Kirche also ist der Leib, ja der Leib Christi, und jeder ist ein Glied an ihm. Die Gemeinde ist also in dem Maß lebendig und in dem Maß eine Einheit, wie jeder sich einbringt mit dem, was er mitbringt. Aber genau das ist wohl auch die Gefahr: Da gibt es die einen, die wohl rhetorisch gut drauf sind, die hervorragend reden oder predigen können, aber die sich damit brüsten, die ihr Talenten zur Selbstdarstellung missbrauchen. Ihnen sagt Paulus: „Wenn ich in den Sprachen der Engel und der Menschen redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke“. Oder es gab andere Gemeindemitglieder, die stark waren im Glauben, in der Gotteserkenntnis, eingetaucht in das Geheimnis Gottes. Auch die sind gefährdet, sich damit zu brüsten, die Gemeinden als Schaubühne ihrer Darstellungssehnsucht zu nutzen. Ihnen sagt Paulus: „Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnisse hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts“. Und dann gab es noch die Asketen, für die das ganze Leben eine einzige Fastenzeit ist und damit ungeheuren Eindruck machen. „Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte, und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts“. Paulus verfolgt also ein gutes Gemeindekonzept. Jeder soll sich einbringen mit dem, was er kann und hat. Aber die Gefahr ist, dass die Menschen die Gemeinde als Bühne benutzen, um sich selbst zu exponieren oder um das eigene Talent als das bessere zu präsentieren. Und da es kein Leitungsamt gibt, gibt es ein Machtvakuum. Und wenn man diese Gefahr vor Augen hat, dann bekommen die weiteren Aussagen erst einen Sinn: „Die Liebe ist langmütig; die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen und trägt das Böse nicht nach, sie freut sich nicht über das Unrecht.“ Paulus möchte also, dass die Gemeindemitglieder immer wieder kritisch selbst reflektieren, was das Motiv ihres Handelns ist: die Liebe, der Wille, sich zum Aufbau der Gemeinde einzubringen, oder die Selbstdarstellung, das Aufblähen, das Vorteilsuchen.

3.   Es kommt einzig auf die Liebe an, und Paulus begründet das wunderbar: Weil alles andere Stückwerk ist, alles einmal ein Ende hat: „Prophetisches Reden hat ein Ende, Zungenrede verstummt, Erkenntnis vergeht, denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk ist unser prophetisches Reden. Die Liebe hört niemals auf.“ Und er vergleicht das alles mit der Kindheitsphase. „Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann  war, legte ich ab, was Kind an mir war.“ So auch wir: Wie wir über Gott reden, denken, vermuten, glauben, das ist so: „Jetzt schauen wir in einem Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse. Jetzt erkennen wir unvollkommen.“  Das ist alles wie eine Kindheitsphase, die noch nicht richtig erkennt. Alles Erkennen wird sich ändern, wird vergehen. Deshalb bleibt allein die Liebe. Sie bleibt auch in Ewigkeit. Denn sie ist Spiegelbild und Abglanz Gottes, Erfahrungsort Gottes. Und Kirche soll Erfahrungsort Gottes sein.

     

      Das Hohelied der Liebe: Alles andere als ein Hochzeitstext, sondern ein Text, ein warnender, ein mahnender Text, wie Kirche und Gemeinde leben sollen.

 

Franz Langstein